Arthur Schopenhauer (1788-1860)
Die folgende Einführung in seine Philosophie ist angelehnt an das Schopenhauer Kapitel in
Hans Joachim Störig - Kleine Weltgeschichte der Philosophie.
Obwohl Schopenhauers der bedeutendste Schüler Kants war, stellt seine Philosophie
eine ganz eigene geistige Welt dar, welche im Gesamtrahmen der europäischen Geisteslage als ein
fremdes Element erscheint. Geprägt ist sie von seiner Bekanntschaft mit der Philosophie des
alten Indien, die gerade damals durch die noch sehr unvollkommene Übersetzung des
Anquetil-Duperron für den abendländischen Leser zugänglich geworden war.
Der Weg, auf dem Schopenhauer ins Innere der Natur dringt, ist der der Mystik, im besonderen der
indischen. Brahman, Weltseele, Weltwille und Atman, Menschenseele, Menschenwille, sind eines.
Was uns hindert, dies zu erkennen, ist der Schleier der Maya, ist die Welt der Vorstellungen.
Was uns erlöst, ist das Freiwerden von der irdischen Verhaftung, vom »Durst«, und das Eingehen
in Brahman oder in das Nirwana.
Nach Schopenhauer liegt der Urgrund der Welt in einem blinden, widervernünftigen, irrationalen
Willen. Er vollzieht einen Bruch mit einer Voraussetzung, die allen abendländischen Denken seit
der Renaissance zugrunde gelegen hat: der Harmonie des Weltganzen. Er vollzieht den Übergang vom
Optimismus zum Pessimismus.
Die Welt als Wille und Vorstellung
In seinem Hauptwerk hat der damals 30-jähige Schopenhauer in einem einzigen genialen
Wurf seine ganze Philosophie dargelegt. Alles, was er sonst geschrieben hat, ist nur Kommentar dazu
und Weiterbildung in Einzelheiten. Was das Buch enthält ist, wie Schopenhauer selbst sagt, nur ein
einziger Gedanke.
a) Die Welt als Vorstellung
"Die Welt ist meine Vorstellung" mit diesem Satz beginnt Schopenhauers Buch. Wenn
irgendeine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese. Kants größter Verdienst
ist die Unterscheidung der Erscheinung vom Ding an sich. Unsere Wahrnehmung liefert immer nur
ein mittelbares, unvollständiges Bild der Welt. Dieses sinnlich vermittelte Abbild nennt
Schopenhauer die Welt der Vorstellungen.
Es ist im Grunde die gleiche Wahrheit, die Platon so ausgedrückt hatte, daß die den Sinnen
erscheinende Welt kein wahres Sein habe; dasselbe, was er im Höhlengleichnis versinnbildlichen
wollte. Es ist auch die gleiche Wahrheit, welche in den indischen Veden so ausgedrückt wird, daß
die sichtbare Welt ein wesenloser Schein, Schleier, Illusion, kurz Maya sei.
Der Sinnlichkeit gehören auch Raum und Zeit als Form an, beides notwendige Vorstellungen, die
allen Anschauungen zugrunde liegen, also vor jeder Erkenntnis da sein müssen.
Schopenhauer macht sich nun den Einwand von G. E. Schulzes zu eigen, daß Kant zum Ding an sich
durch einen Kausalschluss komme, also durch Anwendung einer Kategorie, die nach ihm selbst - und
auch nach Schopenhauers Satz vom Grunde - nur innerhalb des Bereichs der Erscheinungen gilt. Hier
gilt sie nach Schopenhauer unbedingt, auch für die menschlichen Handlungen, die bei eintretendem
Motiv mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes getätigt werden.
Kausalität ist neben den Formen des Raumes und der Zeit für ihn sogar diejenige Grundform, auf die
sich alle anderen Kategorien Kants zurückführen lassen. Aber von der Welt als Vorstellung führt
kein Weg über die Vorstellung hinaus zu einem Ding an sich.
Nach Kant gibt es keine Metaphysik. Kant versteht dabei Metaphysik im Sinne der ihm
vorausgehenden dogmatischen Philosophie als Wissenschaft vom demjenigen, was jenseits der
Möglichkeit aller Erfahrung liegt. Ist es aber nicht vielleicht ein ganz falscher Ansatzpunkt
zu sagen, daß die Quelle der Metaphysik auf keinen Fall empirisch sein dürfe, daß ihre
Grundsätze auf auf keinen Fall der äußeren oder inneren Wahrnehmung hergenommen werden dürfen?
Nach Schopenhauer muß die Lösung des Rätsels der Welt und unseres Daseins aus dem gründlichen
Verständnis der Welt selbst hervorgehen. Man muß äußere und innere Erfahrung am rechten Punkt
verknüpfen.
b) Die Welt als Wille
Von außen ist dem Wesen der Dinge nicht beizukommen. Wie weit man auch forscht, man gewinnt
nur Bilder und Namen. Man kann von der Vorstellung aus zum Ding an sich nicht anhand jener
Gesetze gelangen, die nur Objekte, Vorstellungen, untereinander verbinden. Die einzige Stelle,
die uns einen Zugang in das Innere der Welt ermöglicht, liegt in uns selbst, liegt im
Individuum. Dem einzelnen ist sein Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als
Vorstellung: in verständiger Anschauung eingeordnet als Objekt unter Objekten in den
Kausalzusammenhang aller Erscheinungen; »sodann aber auch zugleich auf eine ganz andere Weise,
nämlich als jenes jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.«
Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei ursächlich verknüpfte verschiedene
Dinge. Sie sind ein und dasselbe. Die körperliche Handlung ist nur der objektivierte, das heißt
in die Anschauung getretene Akt des Willens. Der Leib ist der in Raum und Zeit objektivierte
Wille; »Zähne, Schlund und Darmkanal sind der objektivierte Hunger; die Genitalien der
objektivierte Geschlechtstrieb«.
Diese Erkenntnis ist die unmittelbarste, die möglich ist; sie kann nicht aus einer anderen
hergeleitet werden. Sie ist die eigentliche philosophische Wahrheit.
Diese Wahrheit gilt zunächst für den Menschen. Das Wesen des Menschen liegt nicht im Denken,
Bewußtsein, Vernunft. Dieser uralte Irrtum, zumal aller Philosophen, ist zu beseitigen.
Das Bewußtsein ist bloß die Oberfläche unseres Wesens. Nur sie kennen wir allerdings deutlich,
so wie wir vom Erdkörper nur die äußere Oberfläche kennen. Unsere bewußten Gedanken sind nur
die Oberfläche eines tiefen Wassers. Die Entstehung unserer Urteile geschieht gewöhnlich nicht
durch Verkettung deutlicher Gedanken nach logischen Gesetzen - obwohl wir uns und anderen dies
gern einreden. Sie geschieht in der dunklen Tiefe; sie geht beinahe so unbewußt vor sich wie die
Verdauung. Zu unserer eigenen Verwunderung steigen uns Einfälle und Entschlüsse auf, gerade vom
Entstehen unserer tiefsten Gedanken können wir uns keine Rechenschaft geben. In diesem
geheimnisvollen Inneren aber ist es der Wille, der seinen Diener, den Intellekt,
antreibt. Der Wille ist wie ein starker Blinder, der einen Sehenden, aber Gelähmten, auf seinen
Schultern trägt. Die Menschen werden nur scheinbar von vorn gezogen, tatsächlich werden sie von
hinten geschoben. Sie sind getrieben von dem unbewußten Willen zum Leben. Dieser Wille
allein ist schlechthin unwandelbar, er liegt all unseren Vorstellungen wie ein durchgehender
Grundbaß zugrunde. Auch das Gedächtnis ist nur die Magd unseres Willens.
Auch was wir Charakter nennen, ist durch den Willen bestimmt. Der Wille baut den Charakter, wie
den Leib des Menschen. Deshalb verheißen auch alle Religionen einen jenseitigen Lohn für die
Vorzüge des Herzens, für den guten Willen, nicht aber für die Vorzüge des Kopfes, für einen
guten Verstand.
Alle bewußten Funktionen des Menschen ermüden und brauchen Schlaf. Der Wille allein ist
unermüdlich. Was sich unbewußt vollzieht, wie die Arbeit des Herzens und die Atmung, ermüdet
nie. Unser bewußtes Leben ist nur dem Schlaf abgerungen. Der Schlaf ist ein Stück Tod, das wir
vorschußweise erborgen.
Aber nicht nur der Mensch ist seinem Wesen nach Wille. Das Wesen aller uns in Raum und Zeit
umgebenden Erscheinungen müssen wir in Analogie des Menschen als Objektivation eines Willens
deuten. Zunächst im organischen Leben. Aber Wille verbirgt sich auch hinter den Erscheinungen
der unbelebten Natur. Die Kraft, die die Planeten bewegt, die die Stoffe sich chemisch anziehen
und abstoßen läßt, ist der unbewußte Weltwille.
Im Reich des Lebens ist die stärkste Äußerung des Willens zum Leben der Trieb zur Fortpflanzung.
Er überwindet sogar den (individuellen) Tod. Sobald für die Selbsterhaltung gesorgt ist, strebt
das Lebewesen nach Fortpflanzung, nach Erhaltung der Gattung. Der Wille zeigt sich hier
fast ganz unabhängig von der Erkenntnis. Hat Erkenntnis beim Menschen ihren Sitz im Gehirn, so
sind die Genitalien, der Sitz des Geschlechtstriebes, der eigentliche Brennpunkt des Willens
und der Gegenpol des Gehirns.
Schopenhauers Ausführungen über die »Metaphysik der Geschlechtsliebe« gehören zu den
berühmtesten Partien seines Werkes. Dieses Thema spielt bei ihm eine so wichtige Rolle wie bei
den Dichtern aller Völker und Zeiten, die es unermüdlich besungen haben. Was zwei Individuen
verschiedenen Geschlechts mit so unwiderstehlicher Gewalt zueinanderzieht, ist der in der
Gattung sich darstellende Wille zum Leben. Die Liebe ist ein Täuschungsmittel der Natur zu dem
alleinigen Zweck der Erhaltung der Gattung. »Das Individuum handelt hier, ohne es zu wissen,
im Auftrag eines Höheren, der Gattung: daher die Wichtigkeit, welche es den Dingen beilegt...«
Da die Leidenschaft auf dem Wahn beruht, der das für die Gattung Wertvolle dem einzelnen als
für ihn selbst wertvoll vorspiegelt, so kann und muß die Täuschung, sobald der Zweck der
Gattung erfüllt ist, wegfallen. Die Natur läßt denn auch die weibliche Schönheit, ihren
wichtigsten Kunstkniff zur Herbeiführung ihres Zwecks, nach der Fortpflanzung schnell
verschwinden. Das Individuum merkt, daß es der Betrogene des Willens der Gattung gewesen ist.
»Wäre Petrarcas Leidenschaft befriedigt worden, so wäre von dem an sein Gesang verstummt, wie
der des Vogels, sobald die Eier gelegt sind.« Die Ernüchterung tritt insbesondere in der aus
Liebe geschlossenen Ehe ein.
Wie sich in der Geschlechtsliebe der einzelne nur als Instrument der Gattung erweist, so ist
überhaupt jedes individuelle Wesen, ja jede Erscheinung in Raum und Zeit Objektivierung eines
raumlosen, zeitlosen, grundlosen Willens, die als solche allerdings nur in der Vereinzelung
(Individuation) möglich ist. Erst durch Raum und Zeit erscheint der Wille als Vielheit neben
und nach einander. Deshalb nennt Schopenhauer Raum und Zeit das principium individuationis.
Das Individuum ist nur ein steter Wechsel der Materie unter Beharren der Form. Das Ding an
sich ist der Wille.
Diese Einsicht ist auch auf die Geschichte anzuwenden. Wie hinter allem der unwandelbare
Weltwille steht, so lehrt philosophische Betrachtung der Geschichte, daß in aller
Verschiedenheit der Völker, Epochen, Kostüme und Sitten es überall dieselbe Menschheit ist,
die wir erblicken. Immer dasselbe, nur anders - ist die Devise der Geschichte. Es gibt keinen
Fortschritt. Das Symbol des Geschehens ist überall der Kreis. Zu allen Zeit haben die Weisen
dasselbe gesagt, und die Toren dasselbe, nämlich das Gegenteil, getan.
Ist der Wille frei? Frei ist der Weltwille als Ganzes, denn außer ihm ist nichts da, was ihn
beschränken könnte. Unfrei ist der Wille des einzelnen, weil er durch den übergeordneten ganzen
Willen bestimmt ist.
Das Leid der Welt und die Erlösung
a) Leben als Leiden
Wie Buddha in seiner Jugend, war auch der junge Schopenhauer, wie er selbst bezeugt, vom
tiefem Jammer allen Lebens ergriffen.
Der Wille ist unendlich, die Erfüllung beschränkt. Unseren Trieben und Wünschen hingegeben,
werden wir nie dauerndes Glück noch Ruhe finden. Aus jeder befriedigten Begierde wächst
sogleich eine neue. Auf jeden Schmerz, sobald er behoben ist, folgt neues Übel. Der Schmerz ist
überhaupt die eigentliche Realität im Leben. Lust und Glück sind nur etwas Negatives, nämlich
die Abwesenheit des Schmerzes. Was wir besitzen, wissen wir nicht zu schätzen. Wenn wir es
verloren haben, wird uns der Wert fühlbar.
Die Not ist die beständige Geißel des größten Teils der Menschen. Die wenigen, denen das
erspart bleibt, fallen sogleich der anderen Geißel anheim, der Langeweile. Der Ablauf
der Woche mit sechs Tagen der Plackerei und einem siebten der Langeweile ist ein treffendes
Bild unseres Lebens. Das unausweichbare Schicksal des Menschen ist ferner die Einsamkeit.
Am Ende ist jeder mit sich allein.
Kampf, Krieg und grausame Vernichtung, Fressen und Gefressenwerden - das ist Leben. Es
zeigt sich im Tierreich und im menschlichen Dasein gleichermaßen. Selbst die dramatischen
Dichter wissen nichts anderes darzustellen. Nach dem lügenhaften Happy-End aber lassen sie
schnell den Vorhang fallen. Optimismus ist ein bitterer Hohn auf die namenlosen Leiden der
Menschheit. Schopenhauer verweist auf Hospitäler, Lazarette und chirurgische Marterkammern,
Gefängnisse, Folterkammern und Sklavenställe, Schlachtfelder und Gerichtsstätten, all die
finsteren Behausungen des Elends... »Woher denn anders hat Dante den Stoff zu seiner Hölle
genommen, als aus dieser unserer wirklichen Welt? Und dennoch ist es eine recht ordentliche
Hölle geworden. Hingegen als er an die Aufgabe kam, den Himmel und seine Freuden zu schildern,
da hatte er eine unüberwindliche Schwierigkeit vor sich; weil eben unsere Welt gar keine
Materialien zu so etwas darbietet.« Das Leben ist nicht lebenswert. Es ist ein Geschäft, daß
seine Kosten nicht deckt. Zu allem kommt, daß unser Leben unaufhaltsam dem Tode entgegeneilt.
In der Jugend sehen wir das nicht. Wir sind noch im Anstieg zu dem Berge, auf dessen anderer
Seite der Tod lauert. Sobald wir die Mitte des Lebens überschritten haben, sind wir Rentner,
die nicht mehr von den Zinsen leben, sondern das Kapital angreifen. Wie unser Gehen nur ein
stets gehemmtes Fallen, so ist unser Leben nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben.
Gibt es keinen Ausweg aus diesem Jammertal? Erkenntnis ist kein Ausweg. Im Gegenteil. Je höher
die Erscheinungsform des Lebens, um so größer und offenbarer das Leiden. Von der Pflanze über
den niedrigen Wurm und die Insekten bis zu den Wirbeltieren mit ihren vollkommeneren
Nervensystemen ist ein fortwährendes Steigen der Schmerzempfindlichkeit festzustellen.
Und von den Menschen leidet der um so mehr, der deutlich erkennt; das Genie leidet am
meisten.
Schon eher ist da noch der wohltätige Wahnsinn ein Ausweg, den die Natur beschreitet, wenn das
Leiden die Grenze des Ertragbaren überschreitet. Auch Selbstmord ist kein Ausweg. Er vernichtet
die individuelle Erscheinung des Willens, aber nicht diesen selbst.
Und doch weist Schopenhauer zwei Auswege. Der eine ist ästhetischer, der andere ethischer
Natur. Der eine erlöst vorübergehend, der andere dauernd. Dieser gleicht dem Wege Buddhas.
b) Der ästhetische Weg der Erlösung
Nach Kant steht hinter den Erscheinungen das, was er dunkel, aber ahnungsvoll der Ding an
sich nannte. Nach Platon stehen hinter den vergänglichen Dingen ihre unvergänglichen Urbilder,
die Ideen, Schopenhauer nimmt beide Gedanken auf. Das Ding an sich erkennt er als den Willen.
In den platonischen Ideen erkennt er die ewigen Formen, in denen der unendliche Wille in
Erscheinung tritt.
Können wir uns zu einer Erkenntnis dessen erheben, was hinter den Erscheinungen ist? Wir können
es nicht, solange der Intellekt im Dienste des Willens bleibt. Wir müßten uns von der Fesselung
durch den Willen, und damit auch von der Bindung an das wollende Individuum - die notwendige
Erscheinungsform des Willens in Raum und Zeit - frei machen können. Ist das möglich? Dem Tier
ist es nicht möglich. Dem Menschen ist es möglich, wenn auch nur als Ausnahme. Darauf deutet
schon der Bau seines Körpers. Das Haupt überragt den Rumpf, zwar aus ihm herausgewachsen, zwar
von ihm getragen, aber doch ihm nicht ganz untertan.
Der Mensch kann reines Subjekt der Erkenntnis werden. Die Erkenntnisart, in der ihm dies zuteil
wird, ist die Kunst, das Werk des Genius. Kunst ist die Betrachtung der Dinge, unabhängig
von der Kausalität und unabhängig vom Willen. (Wir erinnern uns an Kants »interesseloses
Wohlgefallen«.) Da die Ideen nur in reiner vom Objekt ausgehender Kontemplation erfaßt werden
können, besteht das Wesen des Genies eben in der Fähigkeit zu solcher Betrachtung. Genialität
ist vollkommene Obkektivität, die Fähigkeit, sich rein anschauend zu verhalten, »klares
Weltauge« zu sein, und zwar nicht nur augenblicksweise, sondern so lange, um das Geschaute
wiederholend zu gestalten.
Wenn wir in der Betrachtung der Kunst uns dem Sklavendienste des Willens entreißen, dann tritt
auf einmal jener schmerzlose, überirdische Zustand des Gemüts ein, den Epikur als den Zustand
der Götter pries. Dann sind wir, »für jenen Augenblick, des schnöden Willensdranges entledigt,
wir feiern den Sabbath der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still.«
Es folgen Schopenhauers Betrachtungen über das Schöne und das Erhabene und über die einzelnen
Künste. Es sind die Gedanken eines für das Schöne und Erhabene in Natur und Kunst auf tiefste
empfänglichen Menschen.
Eine Kunst steht abgesondert von allen anderen: die Musik. Wir erkennen in ihr nicht
die Nachbildung einer Idee, wie in den anderen Künsten. Wie kommt es, daß sie gleichwohl so
mächtig auf das Innerste des Menschen wirkt? Die Musik ist das unmittelbare Abbild des Willens
selbst und damit des Wesens der Welt. In ihr kommt das tiefste Wesen des Menschen und aller
Dinge zum Sprechen. Unser Wille strebt, wird befriedigt und eilt weiter. So ist die Melodie ein
stetes Abirren vom Grundton, entsprechend dem vielgestaltigen Streben des Willens, und ein
endliches Rückkehren zu diesem, zur Harmonie, zur Befriedigung.
So können wir die Natur und die Musik als zwei Erscheinungsformen derselben Sache, des einen
unendlichen Weltwillens, ansehen. In der Musik ziehen alle geheimen Regungen unseres Wesens wie
ein vertrautes und doch ewig fernes Paradies an uns vorüber. Doch nur auf Augenblicke. Die Musik
ist nicht die Erlösung aus dem Leben, sondern nur ein schöner Trost in ihm. Um endgültige
Erlösung zu erlangen, müssen wir vom Spiel, das die Kunst darstellt, zum Ernst übergegen.
c) Der ethische Weg zur Erlösung: Verneinung des Willens
Schopenhauer will nichts, als das in abstraktes Wissen, in klare Erkenntnis zu verwandeln,
was viele Menschen intuitiv wissen und was in den Lehren der großen Religionen und im Leben
ihrer Heiligen vor aller Augen steht. Das uns Zunächstliegende ist das Christentum. Es ist von
diesem Geiste der Weltverneinung durchdrungen, wo echtes Christentum ist. Nimm dein Kreuz auf
dich! Entsage! Nirgends ist dieser Geist schöner ausgesprochen als bei den deutschen Mystikern.
Noch mehr entfaltet aber finden wir das, was Verneinung des Willens zum Leben heißt, in den
uralten Werken des indischen Denkens. Das Christentum in Indien einführen zu wollen, ist so
vergeblich, als eine Kugel gegen einen Felsen abzuschießen. Vielmehr wird indisches Denken
immer mehr nach Europa eindringen und eine Grundveränderung im abendländischen Denken
hervorbringen.
Askese als vorsätzliche Brechung des Willens ist das Mittel; das Ziel ist der Zustand, den die
Heiligen, welche zur vollendeten Auslöschung des Willens gekommen sind, in Worten wie »Ekstase«,
»Entrückung«, »Aufgehen des Ich in Gott« beschrieben haben. Eigentlich kann dieses Ziel aber
nur negativ umschrieben werden, wie es der Buddhismus im Nirwana tut.
»Wenden wir aber den Blick von unserer eigenen Dürftigkeit und Befangenheit auf diejenigen,
welche die Welt überwanden..., so zeigt sich uns, statt des rastlosen Dranges und Treibens...
statt der nie befriedigten und nie ersterbenden Hoffnungen, daraus der Lebenstraum des wollenden
Menschen besteht, jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des
Gemüts, jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, deren bloßer Abglanz im
Antlitz, wie ihn Raphael und Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres Evangelium ist
...«
Schopenhauer Auszüge Dank an Lorenz Trippel!
Weiterführende Links
Der Buddhismus von Dominik Brettnacher
Schopenhauers Pessimismus im Kontext der abendländischen Philosophie
Parerga und Paralipomena II, Über Religion
Schopenhauer: Askese, gegen Selbstmord
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