Arthur Schopenhauer 1788-1860

Nicht Geist und Materie sind die Grundlage der Realität, sondern Wille als ein metaphysisches Grundprinzip. Die Körperwelt ist die Objektivation dieses Willens, ihre sinnlich vermittelten Abbilder sind Vorstellungen in der Form von Raum und Zeit. Das Leben ist Leiden und wird durch den Willen immer weiter vorangetrieben. Erlösung gibt es vorübergehend durch Kunstgenuß, endgültig durch Überwindung des Lebenswillens.
Die meisten hier zusammengestellten Texte sind aus den Manuskripten entnommen, in denen Arthur Schopenhauer über die Jahre seine Aufzeichnungen gemacht hat. Zum Teil findet man sie mit ähnlichem Wortlaut in seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" wieder, oft schreibt er aber in den Manuskripten natürlicher und eingänglicher.
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In Arkadien geboren sind wir alle, d.h. wir treten in die Welt voll Ansprüche auf Glück und Genuss, und bewahren die törichte Hoffnung solche durchzusetzen, bis das Schicksal uns unsanft packt und uns zeigt, dass nichts unser ist, sondern alles sein, da es ein unbestreitbares Recht hat nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb, sondern auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja auf die Nase mitten im Gesicht. Sodann kommt die Erfahrung und lehrt uns dass Glück und Genuss blosse Chimären sind, die eine Illusion uns in der Ferne zeigt, hingegen das Leiden, der Schmerz real sind, sich selbst unmittelbar kund geben ohne die Illusion und Erwartung zu bedürfen. Arthur Schopenhauer, Mai 1824 Meine Phantasie spielt oft mit dem Gedanken aller Menschen Leben und mein eignes seyen nur Träume eines ewigen Geistes, böse und gute Träume, und jeder Tod ein Erwachen. Der allein ist wahrhaft glücklich, der, im Leben, nicht das Leben will, d.h. nicht nach dessen Gütern strebt. Denn er macht sich die Last leicht. Man stelle sich eine Last vor, die auf Stützen lose ruht, und einen Menschen der gebückt hinter ihr steht. Hebt er sich und drängt ihr entgegen, so trägt er sie ganz: zieht er sich zurück von ihr, in sich zusammen, so trägt er nichts und ihm ist leicht. Was uns fast unumgänglich zu lächerlichen Personen macht, ist der Ernst mit dem wir die jedesmalige Gegenwart behandeln, die einen nothwendigen Schein von Wichtigkeit an sich trägt. Wohl nur wenige große Geister sind darüber hinweggekommen, und aus lächerlichen zu lachenden Personen geworden. Damit der Mensch eine erhabene Gesinnung in sich erhalte, seine Gedanken vom Zeitlichen auf das Ewige richte, mit einem Wort damit das bessere Bewußtseyn in ihm rege sey; ist ihm Schmerz, Leid und Mißlingen so nothwendig wie dem Schiffe der es beschwerende Ballast, ohne welchen es keine Tiefe ermißt, ein Spiel der Wogen und Winde keinen bestimmten Weg gehet und leicht umschlägt. So lange wir jung sind, man mag uns sagen, was man will, halten wir das
Leben für endlos und gehn danach mit der Zeit um. Je älter wir werden,
desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im spätern Alter erregt
jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem
Schritt ein zum Hochgericht geführter Deliquent hat. Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertag recht nahe
zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald
empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann
nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes
zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige
Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. - So treibt
das Bedürfnis der Gesellschaft aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die
Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen
sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein
Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser
Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! - Vermöge derselben wird zwar das
Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln
nicht empfunden. - Die Welt als Wille und Vorstellung... Auf jeder Stufe, welche die Erkenntnis beleuchtet, erscheint sich der
Wille als Individuum. Im unendlichen Raum und unendlicher Zeit findet
das Individuum sich als endliche, folglich als eine gegen Jene
verschwindende Größe, in sie hineingeworfen und hat, wegen ihrer
Unbegränztheit, immer nur ein relatives, nie ein absolutes
Qualibus in tenebris vitae, quantisque pericilisDas Leben der Allermeisten ist auch nur ein steter Kampf um diese Existenz selbst, mit der Gewißheit ihn zuletzt zu verlieren. Was sie aber in diesem mühsäligen Kampfe ausdauern läßt, ist nicht sowohl die Liebe zum Leben, als die Furcht vor dem Tode, der jedoch als unausweichbar im Hintergrunde steht und jeden Augenblick herantreten kann. - Das Leben selbst ist ein Meer voller Klippen und Strudel, die der Mensch mit der größten Behutsamkeit und Sorgfalt vermeidet, obwohl er weiß, daß, wenn es ihm auch gelingt, mit aller Anstrengung und Kunst sich durchzuwinden, er eben dadurch mit jedem Schritt dem größten, dem totalen, dem unvermeidlichen und unheilbaren Schiffbruch näher kommt, ja gerade auf ihn zusteuert, dem (Auszug aus "Bejahung und Verneingung des Willens zum Leben") Das gefundene Wort eines Rätsels Die Entzifferung der Welt muss sich aus sich selbst
bewähren durch die Übereinstimmung in die sie alle Seiten
der Welt zu einander bringt, welches nur durch ihre
Vermittlung geschehn kann. ... (ausgelassen)
... Wie auf dem tobenden Meer, das, nach allen Seiten
unbegrenzt, heulend Wasserberge erhebt, auf einem Kahn ein
Schiffer sicher sitzt, seinem Fahrzeug vertrauend; so
vertraut und stützt der Mensch sich auf dem principio
individuationis und sitzt ruhig mitten in einer Welt voll
Qualen. Er ist der ganze Wille zum Leben, dessen Erscheinung
die Welt ist, und wir müssen diese Erscheinung ein Leiden
nennen. Tief im Innersten ist er sich bewusst dieser Wille zu
sein. Aber diese unendliche Welt, voll Leiden, in unendlicher
Zukunft und unendlicher Vergangenheit liegend, ist ihm fremd,
ist ihm ein Märchen; nur seine verschwindende Person und die
ausdehnungslose Gegenwart hat Wirklichkeit für ihn. Aber
Grausen ergreift in sobald er irre wird am principio
individuationis; so, wenn es scheint als käme eine Toter
wieder, oder eine Zukunft werde sicher verkündigt, oder das
Ferne werde wie das Gegenwärtige erkannt oder eine Veränderung
geschehe ohne Ursache; kurz, so oft der Satz vom Grund, der
das principium individuationis ist, in irgend einer seiner
Gestalten Ausnahmen zu leiden scheint. Da merkt er, wie der
Wille zum Leben der er selbst ist, in Allem lebt, wie in ihm,
und wie alle Leiden der Welt, in Vergangenheit und Zukunft
die seinen sind, und er doch nichts ist als eben dieser Wille. Der Pythagorische Satz, dass nur von Gleichem Gleiches
erkannt werde, ist in vielerlei Beziehungen und auch in
dieser wahr, dass Jeder den Andern nur so weit versteht, als
er ihm gleich steht, oder wenigstens ihm homogen ist: was
also Jeder an Jedem sicherlich wahrnimmt, ist das Allen
Gemeinsame, das Gemeine, das Kleinliche, das Niedrige unsrer
Natur: hierin begreift Jeder den Andern vollkommen: was aber
Einer vor dem Andern voraus hat, ist für diesen nicht
vorhanden, der vielmehr, so ausserordentliche Gaben es auch
sein mögen, in Jenem doch stets nur seines Gleichen sehn
wird, um so mehr, als er nur seines Gleichen sehn will; bloss
eine unbestimmte Scheu, mit Groll gemischt, wird er empfinden,
über etwas, das ihm in Jenem nicht klar wird, weil es über
seine Kräfte hinausgeht, daher nicht zusagt. Wenn Swedenborg in der "vera Christiana religio"
§ 400 sagt "der egoistische Mensch sehe zwar mit den
Augen des Leibes die Übrigen auch als Menschen; mit den
Augen seines Geistes aber sehe er nur sich und die Seinigen
als Menschen die Übrigen aber eigentlich nur als Larven":
- So ist dies, dem innersten Sinn nach, dasselbe als Kants
Vorschrift, "man solle Andere nie bloss als Mittel
sondern als Selbstzwecke betrachten" - Aber wie
verschieden ausgedrückt: wie lebendig, scharf treffend,
anschaulich unmittelbar erschöpfend bei Swedenborg (dessen
Manier und Denkungsart ich sonst nicht geniessbar finde) und
wie indirekt, abstrakt, durch ein abgeleitetes Merkmal
ausgesprochen bei Kant. Kunst, Poesie, Malerei und Selbstbiographien Um von allen Ideen diejenige kennen zu lernen,
welche die vollkommenste und entwickelteste Objektität des
Willens ist, nämlich den Menschen, sind, nächst der
eignen Erfahrung die gleichsam das Wörterbuch ist zur
Sprache der Künste und Geschichte, die Hauptlehrmeister die Kunst,
nämlich Poesie und Malerei, nächst diesen die Biographien
der Einzelnen vornehmlich Selbstbiographien, und erst
zuletzt die Geschichte. Denn in dieser handeln nicht
Menschen, sondern Armeen und Völker und die Einzelnen welche
etwa auftreten erscheinen in so grosser Entfernung mit so
vieler Umgebung und Gefolge, und verhüllt in schweren
Staatskleidern und unbiegsamen Harnischen, dass es sehr
schwer ist die menschlichen Bewegungen durch alles das zu
erkennen. Hingegen zeigt das Leben der Einzelnen die
Handlungsweise der Menschen in allen ihren Nüancen und
Gestalten, die Trefflichkeit, Tugend, Heiligkeit Einzelner,
die Schwärze, Verkehrtheit, Ruchlosigkeit der Meisten:
welches die Gegenstände sind, um die sich alles dreht, ob
Kronen oder Kleinigkeiten ist ein äusserer, relativer für
das Wesen der Sache ganz nichtiger Unterschied: denn hier wie
in der Kunst, kommt es nicht auf den Stoff an, sondern auf
die Behandlung, auf das Wollen und Tun und die Relation des
Motivs zur Person, nicht auf das Motiv in seiner Relation zu
andern äussern Dingen, da sie alle an sich gleich
unbedeutend sind und nur als Motive d.h. sofern sie den
Willen bewegen, Bedeutung haben, wobei es gleichgültig ist,
ob sie Königreiche oder Bauernhöfe sind. Auch hat man
Unrecht zu meinen Selbstbiographien seien voller Trug und
Verstellung. Vielmehr ist dort das Lügen schwerer als
irgendwo: Verstellung ist am leichtesten in der blossen
Unterredung, schwerer in einem Briefe, weil da der Mensch
sich selbst überlassen ist, in sich sieht und schwer sich
das Ferne und Fremde nahe hält: aus einem Buche das er
schrieb lernt man den Menschen am besten kennen, weil alle
jene Bedingungen hier noch stärker und anhaltend wirken: und
in einer Selbstbiographie sich zu verstellen ist schwer, dass
es wohl keine einzige gibt, die nicht viel wahrer als alle übrige
geschriebene Geschichte wäre. Der Mensch der sein Leben
aufschreibt übersieht es im Ganzen und Grossen, das Einzelne
wird klein, das Nahe rückt in die Ferne, die Rücksichten
verschwinden, er sitzt sich selbst zur Beichte, hat sich
freiwillig hingesetzt und der Geist der Lüge kann ihn hier
nicht leicht fassen. Die Kunst aber hat vor Allem jenen den
Vorzug, dass in ihr der Genius, der nicht einzelne Dinge (oder
Erscheinungen) sieht, sondern Ideen (vollkommne Objektitäten
des Dinges an sich) eine Zusammenstellung von lauter
Wesentlichem und Bedeutendem macht, mit Aussonderung alles
Zufälligen und Leeren. Darum spiegelt sie den Menschen und
die Welt ungleich deutlicher als alle Geschichte. In dieser Rücksicht
findet zwischen der Erkenntnis des Menschen (der Idee nach)
und der der nicht erkennenden Natur folgender Vergleich statt:
durch die Geschichte erkennt man den Menschen wie man die
Natur erkennt durch eine Aussicht von einem sehr hohen Berge:
man sieht grosse Massen, umfasst sehr vieles: aber nichts ist
deutlich, nichts einzeln, nichts einem ganzen und
eigentlichen Wesen nach zu erkennen: das dargestellte Leben
des Einzelnen zeigt uns hingegen den Menschen so, wie uns die
Objekte der Natur gegeben werden durch die Betrachtung
ihrer Pflanzen, Felsen und Gewässer im Einzelnen. In der
Poesie aber und Historienmalerei (zu der auch jede
Menschenszene der Niederländer gehört) hält uns der Genius
den verdeutlichenden Spiegel vor in welchen wir mit seinen
Augen sehn, d.h. das Wesentliche und Bedeutsame isoliert sehn,
und denjenigen Eindruck davon empfangen, welcher die
Erkenntnis die ich mit Platon die Idee nenne. Eben
dieses leistet nun der Landschaftmaler in Hinsicht auf die
nichterkennende Natur. Die Götter, welche die verschiedenen Religionen
auf der Erde verkünden, sind an Quantität und Qualität
sehr von einander verschieden, abweichend und heterogen:
hingegen ist ihr Codex, das was sie verbieten und
gebieten, was sie hassen und strafen, oder lieben und
belohnen, überall das Eine und selbe, (unwesentliche
Kleinigkeiten abgerechnet) und die Religion, welche gar keine
Götter hat, die Buddhaistische, hat doch den Codex und sehr
vollständig. Daraus ist viel zum Vorteil des Codex und zum
Nachteil der Götter zu schliessen. Die Heiterkeit der Wahnsinnigen Bei häufiger Beobachtung der Wahnsinnigen finde ich nicht
dass ihre Vernunft, noch dass ihr Verstand
krank sei, am wenigsten aber dass das Beste im Menschen
bei ihnen leide, da sie im Gegenteil oft der seeligsten Ruhe,
sogar einer sehr heiligen Stimmung, und fast Alle einer
durchgängigen Heiterkeit und Zufriedenheit geniessen: daher
der Wahnsinnige in Bezug auf den leidenden Teil ein
dem Bösen grad entgegengesetzter Kranker ist. Bei
diesem leidet das Ewige, bei jenem nur das Endliche. - ... (Rest weggelassen) Die Wurzel des bösen und des guten Charakters Die Wurzel des bösen und des guten Charakters
liegt, so weit wir solche mit der Erkenntnis verfolgen können,
darin, dass die Auffassung der Aussenwelt und zumal der
belebten Wesen, und desto mehr je ähnlicher sie dem eigenen
Selbst des Individuums sind, - bei dem bösen Charakter
begleitet ist von einem beständigen "Nicht-Ich, Nicht-Ich,
Nicht-Ich!" - Dadurch erscheinen sie ihm fremd,
feindlich, verhasst, er glaubt sich bei jeder Gelegenheit von
ihnen beeinträchtigt, gehemmt, angefochten, woraus eine gehässige
Stimmung hervorgeht: Neid bei ihrem Wohlsein, Freude bei
ihrem Schmerz. Daher ist bei dieser Gesinnung der Tod so
bedenklich, indem er das eigene Ich, welches ihr das allein
reale ist, aufhebt, und das Wesen dieses Menschen nur noch in
Jenem, welches ihm bisher so entschieden Nicht-Ich war,
fortbestehn lässt, ihn zurückversenkt in das Allgemeine,
von dem er sich so bestimmt ausschied, das verneint, was er
bisher allein bejahte, und das bejaht, was er verneinte. Zum
guten Charakter hat hingegen der Tod nicht dies furchtbare
Verhängnis: denn beim guten Charakter (wir nehmen diesen wie
jenen als im hohen Grade vorhanden an) ist umgekehrt der
stets begleitende Grundbass jener Auffassung ein beständig
gefühltes "Ich, Ich, Ich!" - woraus eben
Wohlwollen und hilfreiche Gesinnung gegen alles Lebende, am
meisten gegen alle Menschen und zugleich eine heitere,
getroste, beruhigte Gemütsverfassung erwächst, von der das
Gegenteil den bösen Charakter begleitet. Das Menschliche Werk und die Ähnlichkeit mit der Natur - augenscheinliche Zweckmässigkeit Jedes menschliche Werk zum Zweck menschlicher Bedürfnisse,
also jedes Gerät jeglicher Art und jedes Bauwerk muss,
um schön zu sein, dem Werk der Natur ähnlich sein: man hat
das längst gefühlt: aber man irrte darin, dass man meinte,
diese Ähnlichkeit müsse unmittelbar sein, in der Form
selbst liegen und daher müssten Säulen Bäume zum Modell
haben, oder gar menschliche Gliedmassen vorstellen, Gefässe
müssten Schnecken und Muscheln ähnlich sein und überhaupt
allenthalben an jedem Gerät und Gefäss vegetabilische
Formen und Verzierungen angebracht sein. So ist es nicht:
Nicht durch die Form, sondern bloss durch den Charakter
der Form muss das schöne Gerät sich dem Naturprodukt nähern:
und der Charakter kann bei ganz verschiedener Form derselbe
sein. Er besteht darin, dass jedes Ding und jeder Teil seinem
Zweck so unmittelbar entspricht, dass er ihn sogleich
sichtbar macht, welches geschieht dadurch, dass es auf dem kürzesten
und einfachsten Wege diesen Zweck erreicht. Diese augenscheinliche
Zweckmässigkeit charakterisiert das Naturprodukt, und
obgleich in diesem der Wille von innen aus wirkt und sich der
Materie ganz bemeistert hat, hingegen im menschlichen Gemüt
der Wille erst durch die Vermittlung eines Begriffs vom Zweck
des Dings sich ausdrückt und an einer Materie, die, ursprünglich
einen andern Willen zeigend, von aussen überwältigt werden
muss; so können doch auch menschliche Geräte diesen
Charakter zeigen. Ein Beispiel gibt durchgängig die antike
Baukunst: jegliches, Säule, Bogen, Pfeiler, Fenster, Türe,
erreicht seinen Zweck auf die geradeste und natürlichste
Weise und drückt ihn aus, so naiv wie das Naturprodukt: man
fühlt, dass wenn die Natur dergleichen Dinge hätte schaffen
wollen, sie es in dieser Form getan hätte. Die geschmacklose
Architektur macht unnütze Umwege und sinnlose Schnörkel,
spielt mit den Mitteln der Kunst ohne ihre Zwecke zu verstehn.
Hingegen ganz besonders sind die hetrurischen Vasen und alle
Gefässe der Alten ein glänzendes Beispiel: jedes spricht
durch seine Form seinen nächsten Zweck geradezu naiv aus: es
ist im Geiste der Natur gebildet; daher rührt der
erstaunende Unterschied zwischen den antiken Gefässen und
den unseren im Originalgeschmack: auf diesen ruht ein ganz
eigener Stempel der Gemeinheit; während jene durch das Edle
ihrer Formen stets von neuem überraschen. - Man sehe den
Geschmack in Möbeln jetziger Zeit: vor 60 Jahren waren sie
voll unnützer Schnörkel, Nebenwerk, unverständig und
unverständlich: jetzt spricht jeder Teil derselben naiv
seinen Zweck aus und eilt ihm auf dem kürzesten Wege
entgegen. Man sehe Kronleuchter im neuen Konzertsaal in
Berlin. Wenn die Natur Kronleuchter wachsen liesse würden
sie so aussehen. Dadurch, dass wir essen fallen wir dem Tode und
dadurch, dass wir zeugen, dem Leben notwendig anheim. Andere von der Wahrheit überzeugen Um einen Andern von einer Wahrheit zu überzeugen,
die gegen einen von ihm lebhaft festgehaltenen Irrtum streitet,
ist die Regel des Verfahrens leicht und natürlich; nämlich
diese: die Prämissen vorher gehn zu lassen und die
Konklusion nachher. Und doch wird diese Regel selten
beachtet, sondern umgekehrt verfahren: weil unsere Heftigkeit,
Eifer und Rechthaberei uns treiben die Konklusion laut und
gellend dem am entgegengesetzten Irrtum Hängenden entgegen
zu schreien: hierdurch wird er kopfscheu und stemmt nun
seinen Willen gegen alle Gründe und Prämissen, von denen er
schon weiss, zu welcher ihm verhassten Konklusion sie führen
sollen. Dann ist Alles verloren. - Statt dessen soll man die
Konklusion völlig verdeckt halten: ja man kann in hohen Fällen,
wie Kant, eine falsche, entgegengesetzte darüber decken:
immer also die Konklusion zudecken, und bloss die Prämissen
geben; diese vollständig, deutlich, allseitig: dann spreche
man die Konklusion, die der Zweck ist, selbst gar nicht aus:
sondern überlasse sie zu ziehn dem zu Überzeugenden. Er
wird dies heimlich tun und desto aufrichtiger. Er hat dann
nicht die Beschämung überzeugt worden zu sein; sondern den
Stolz sich selbst überzeugt zu haben. Zweifeln ob der Wille frei ist, heisst eigentlich
fragen, ob der Mensch etwas anderes wollen kann, als er will;
denn das heisst es, wenn man frägt, ob die Bestimmung etwa
nicht vom Willen, sondern von den Umständen ausgeht. Lavoisier zersetzte das bisherige Urelement Wasser in
Hydrogen und Oxygen, und schuf dadurch eine neue Periode der
Physik und Chemie. Ich aber habe die bisherige Seele oder
Geist, 1 Er lässt
alle Bewegung und alles Dasein von der Sagt mir, wann der Raum entstand, und wo die
Zeit, seine flüchtige Braut, geboren ward, endlich wie
die Materie, ihr gemeinsames Kind, ins Dasein trat, und
so das Grundgerüst zu einer leidenden Welt gelegt wurde. Mit
dem Raum entstand der Streit, und mit der Zeit die Vergänglichkeit. Glücklichster Augenblick des Einschlafenden Man sage was man will! Der glücklichste Augenblick des Glücklichen
ist der seines Einschlafens, wie der unglücklichste des Unglücklichen
der seines Erwachens. Die Idee des Wassers, die Idee des Lichts, Architektur und Kunstgärtnerei Um die Idee des Wassers aufzufassen ist es nicht
hinreichend es im ruhigen Teich und im gleichfliessenden
Strom zu sehen; sondern diese Idee entfaltet sich ganz erst
indem das Wasser unter alle Umstände und Hindernisse
gebracht ist, die auf dasselbe einwirken können: darum
finden wir es schön, wenn es herabstürzt, schäumt, wieder
aufspringt, zerstäubt, u.s.w.: sogar wenn es in künstliche
Fontänen gezwungen ist: denn alles dieses dient die Idee des
Wassers ganz zu entfalten: den Umständen gemäss zeigt es
immer andre Seiten seiner Natur, wobei es stets seinen
Charakter behauptet und sich selbst treu bleibt; es ist ihm
eben so natürlich aufwärts zu spritzen als ruhig abwärts
zu fliessen, wenn uns gleich jenes fremder ist, weil die Umstände
dazu seltener eintreten: dem Wasser selbst aber ist es nicht
fremder, es ist zum einen wie zum andern bereit je nachdem
die Umstände sind. Da der Genuss der Schönheit in
Auffassung der Ideen besteht, so sucht man in Gärten und
Anlagen auch die Idee des Wassers ganz zu zeigen und bringt
es daher unter solche Umstände wo es sich auf alle Weise
entfaltet; eben so sucht man die verschiedenen Ideen der
Pflanzen und Bäume hervorzuheben durch Nebeneinanderstellen
der verschiedensten Spezies und Gruppierung. Eben so
objektivieren erst mannigfaltig gestaltete Felsen die Ideen
der rohen Materie, der Kohäsion, Starrheit, Schwere: eben
diese Basstöne der Natur sind es auch welche in ihrer ganzen
Fülle und Mannigfaltigkeit die Architektur zu entfalten
strebt, und zugleich die Idee des Lichts: je einfacher und ärmer
an Gehalt die sich objektivierenden Ideen sind, desto mehr
tritt bei der Kontemplation das Bewusstsein des reinen
willensfreien Erkennens im Subjekt hervor. Das Leiden ist Bedingung zur Wirksamkeit des Genius Das Leiden ist Bedingung zur Wirksamkeit des Genius.
Glaubt ihr dass Shakespeare und Goethe gedichtet oder Platon
philosophiert und Kant die Vernunft kritisiert hätte, wenn
sie in der sie umgebenden wirklichen Welt Befriedigung und
Genüge gefunden hätten, und ihnen wohl darin gewesen wäre
und ihre Wünsche erfüllt worden? - Die Begriffe der Vernunft entstehen durch Reflexion
der anschaulichen Welt und enthalten daher alle Formen und
Verhältnisse die in dieser je vorkommen können, so dass man
allerdings von Begriffen auf anschauliche Vorstellungen zurückgehen
kann, wie dieses der Fall ist bei jeder anschaulichen
Vorstellung die in einem Individuo erweckt wird durch
Mitteilung von Begriffen. Nur bleibt immer einiges unbestimmt
und willkürlich wegen der Repräsentation der Begriffe. Die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens Meine ganze Philosophie lässt sich zusammenfassen in dem
einen Ausdruck: die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens. Zuletzt nach aller Philosophie, könnte man vielleicht
noch fragen: woher nun aber endlich dieser Wille, der frei
ist sich zu bejahen, wovon die Erscheinung solche Welt, oder
sich zu verneinen, wovon wir die Erscheinung nicht kennen;
woher zuletzt dies ganze Wesen? Hierauf wäre schon
geantwortet dadurch, dass der Satz vom Grunde, auf dem alles
Woher beruht, nur auf die blosse Erscheinung Anwendung
findet, nicht darüber hinaus. - Aber auch überdies ist
folgendes die Antwort: Davon ist nicht bloss für uns
keine Erkenntnis möglich, sondern überhaupt nie und
nirgends eine. Das ist nicht relative, sondern absolut
unerforschlich. Es weiss es nicht nur Niemand, sondern es
kann an sich nie gewusst werden. ...
(ausgelassen) ... Für die Antworten die
dergleichen Fragen heischten, hat unser Denken gar keine
Formen: es sind die "thougts beyond the reaches of our
souls" (Hamlet I, 4) und wollen wir es mit denen die wir
haben versuchen, so geraten wir in ein endloses Labyrinth:
denn die Verhältnisse die wir dann zu denken versuchen sind
transzendente Verhältnisse. Der Selbstmord ist ein Meisterstück der Maja: Wir
heben die Erscheinung auf und sehn nicht dass das Ding an
sich unverändert dasteht: wie der Regenbogen feststeht so
schnell auch Tropfen auf Tropfen fällt und sein Träger wird
auf einen Augenblick. Nur die Aufhebung des Willens zum Leben
im Allgemeinen kann uns erlösen: die Entzweiung mit irgend
einer seiner Erscheinungen lässt ihn selbst unerschüttert
stehn, und so lässt das Aufheben jener Erscheinung das
Erscheinen des Willens im Allgemeinen unverändert.
(Manuskripte 1816, Nr. 577) Zeit, Vergangenheit, Zukunft, ewige Gegenwart Die Zeit besteht aus lauter Zukunft und Vergangenheit:
sie gleicht einem Kreise der sich dreht ohne Ende wobei stets
die eine Hälfte (Zukunft) steigt, während die andre (Vergangenheit)
fällt: aber die Gegenwart gleicht der Tangente, die
in einem unteilbaren Punkte den Kreis berührt, aber nicht zu
ihm gehört, noch sich mit ihm bewegt: sie gleicht einem
Felsen an dem sich der vorübereilende Strom bricht, ihn aber
nicht mit fortreisst. Denn die Zeit ist Form der Erscheinung;
aber die Gegenwart gehört ihr nicht an, sondern ist der Berührungspunkt
des Dings an sich, des Subjekts des Erkennens mit der
Erscheinung, mit der Zeit. Alle Gedanken, welche ich aufgeschrieben, sind auf
äussern Anlass, meistens auf einen anschaulichen Eindruck,
entstanden und vom Objektiven ausgehend niedergeschrieben,
unbekümmert wohin sie führen würden: aber sie gleichen
Radien, die von der Peripherie ausgehend alle auf Ein Zentrum
laufen, welches die Grundgedanken meiner Lehre sind: zu
diesem führen sie von den verschiedensten Seiten und
Auffassungen aus. Conclusio. Erfüllt mit Indignation über die schändliche Verstümmelung der deutschen Sprache, welche, durch die Hände mehrerer Tausende schlechter Schriftsteller und urteilsloser Menschen, seit einer Reihe von Jahren, mit eben so viel Eifer wie Unverstand, methodisch und con amore, betrieben wird, sehe ich mich zu folgender Erklärung genötigt: Meinen Fluch über Jeden, der, bei künftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich ändert, sei es eine Periode, oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe, ein Interpunktionszeichen. Ich habe schon längst die Forderung aufgestellt, dass man,
um ein gründliches Verständnis meiner Philosophie zu
erlangen, jede Zeile meiner wenigen Werke gelesen haben muss.
Dieser Forderung kommt nun gegenwärtige Gesamtausgabe, auf
eine mir erfreuliche Weise entgegen, indem der Besitzer
derselben gleich Alles beisammen findet und in zweckmässiger
Ordnung lesen kann. Diese aber ist folgende. 1) 4 fache
Wurzel. 2) Welt als Wille und Vorstellung. - 3) Wille in der
Natur. 4) Ethik. 5) Parerga. - Die Farbenlehre geht für sich. Quelle: Arthur Schopenhauer: Der handschriftliche Nachlass. Bd. 1-5 |