Arthur Schopenhauer 1788-1860

Nicht Geist und Materie sind die Grundlage der Realität, sondern Wille als ein metaphysisches Grundprinzip. Die Körperwelt ist die Objektivation dieses Willens, ihre sinnlich vermittelten Abbilder sind Vorstellungen in der Form von Raum und Zeit. Das Leben ist Leiden und wird durch den Willen immer weiter vorangetrieben. Erlösung gibt es vorübergehend durch Kunstgenuß, endgültig durch Überwindung des Lebenswillens.


Eine Zusammenstellung aus seinen Werken und Manuskripten

Die meisten hier zusammengestellten Texte sind aus den Manuskripten entnommen, in denen Arthur Schopenhauer über die Jahre seine Aufzeichnungen gemacht hat. Zum Teil findet man sie mit ähnlichem Wortlaut in seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" wieder, oft schreibt er aber in den Manuskripten natürlicher und eingänglicher.

Übersicht:



In Arkadien geboren sind wir alle, d.h. wir treten in die Welt voll Ansprüche auf Glück und Genuss, und bewahren die törichte Hoffnung solche durchzusetzen, bis das Schicksal uns unsanft packt und uns zeigt, dass nichts unser ist, sondern alles sein, da es ein unbestreitbares Recht hat nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb, sondern auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja auf die Nase mitten im Gesicht. Sodann kommt die Erfahrung und lehrt uns dass Glück und Genuss blosse Chimären sind, die eine Illusion uns in der Ferne zeigt, hingegen das Leiden, der Schmerz real sind, sich selbst unmittelbar kund geben ohne die Illusion und Erwartung zu bedürfen.

Arthur Schopenhauer, Mai 1824


Einige Zitate und Aphorismen

Meine Phantasie spielt oft mit dem Gedanken aller Menschen Leben und mein eignes seyen nur Träume eines ewigen Geistes, böse und gute Träume, und jeder Tod ein Erwachen.

*

Der allein ist wahrhaft glücklich, der, im Leben, nicht das Leben will, d.h. nicht nach dessen Gütern strebt. Denn er macht sich die Last leicht. Man stelle sich eine Last vor, die auf Stützen lose ruht, und einen Menschen der gebückt hinter ihr steht. Hebt er sich und drängt ihr entgegen, so trägt er sie ganz: zieht er sich zurück von ihr, in sich zusammen, so trägt er nichts und ihm ist leicht.

*

Was uns fast unumgänglich zu lächerlichen Personen macht, ist der Ernst mit dem wir die jedesmalige Gegenwart behandeln, die einen nothwendigen Schein von Wichtigkeit an sich trägt. Wohl nur wenige große Geister sind darüber hinweggekommen, und aus lächerlichen zu lachenden Personen geworden.

*

Damit der Mensch eine erhabene Gesinnung in sich erhalte, seine Gedanken vom Zeitlichen auf das Ewige richte, mit einem Wort damit das bessere Bewußtseyn in ihm rege sey; ist ihm Schmerz, Leid und Mißlingen so nothwendig wie dem Schiffe der es beschwerende Ballast, ohne welchen es keine Tiefe ermißt, ein Spiel der Wogen und Winde keinen bestimmten Weg gehet und leicht umschlägt.

*

So lange wir jung sind, man mag uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehn danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im spätern Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Deliquent hat.
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Die Stachelschweine

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertag recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. - So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. -

Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben noch zu empfangen.
(aus `Parerga und Paralipomena' )
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Die Welt als Wille und Vorstellung...

Auf jeder Stufe, welche die Erkenntnis beleuchtet, erscheint sich der Wille als Individuum. Im unendlichen Raum und unendlicher Zeit findet das Individuum sich als endliche, folglich als eine gegen Jene verschwindende Größe, in sie hineingeworfen und hat, wegen ihrer Unbegränztheit, immer nur ein relatives, nie ein absolutes WANN und WO seines Daseins: denn sein Ort und seine Dauer sind endliche Theile eines Unendlichen und Gränzenlosen. - Sein eigentliches Dasein ist nur in der Gegenwart, deren ungehemmte Flucht in die Vergangenheit ein steter Übergang in den Tod, ein stetes Sterben ist; da sein vergangenes Leben, abgesehen von den etwanigen Folgen für die Gegenwart, wie auch von dem Zeugniß über seinen Willen, das darin abgedrückt ist, schon völlig abgethan, gestorben und nicht mehr ist: daher auch es ihm vernünftigerweise gleichgültig seyn muß, ob der Inhalt jener Vergangenheit Quaalen oder Genüsse waren. Die Gegenwart aber wird beständig unter seinen Händen zur Vergangenheit: die Zukunft ist ganz ungewiß und immer kurz. So ist sein Daseyn schon von der formellen Seite allein betrachtet, ein stetes Hinstürzen der Gegenwart in die todte Vergangenheit, ein stetes Sterben. Sehen wir es nun aber auch von der physischen Seite an; so ist offenbar, daß wie bekanntlich unser Gehen nur ein stets gehemmtes Falles ist, das Leben unseres Leibes nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben, ein immer aufgeschobener Tod ist: endlich ist eben so die Regsamkeit des Geistes eine fortdauernd zurückgeschobene Langeweile. Jeder Athemzug wehrt den beständig eindringenden Tod ab, mit welchem wir auf diese Weise in jeder Sekunde kämpfen, und dann wieder, in größeren Zwischenräumen, durch jede Mahlzeit, jeden Schlaf, jeder Erwärmung u.s.w. Zuletzt muß er siegen: denn ihm sind wir durch die Geburt anheimgefallen, und er spielt nur eine Weile mit seiner Beute, bevor er sie verschlingt. Wir setzen indessen unser Leben mit großem Antheil und vieler Sorgfalt fort, so lange als möglich, wie man eine Seifenblase so lange und so groß als möglich aufbläst, wiewohl mit der festen Gewißheit, daß sie platzen wird.
Sahen wir schon in der erkenntnißlosen Natur das innere Wesen derselben als ein beständiges Streben ohne Ziel und ohne Rast; so tritt bei der Betrachtung des Thieres und des Menschen dieses noch viel deutlicher entgegen. Wollen und Streben ist sein ganzes Wesen, einem unlöschbaren Durst gänzlich zu vergleichen. Die Basis allen Wollens aber ist Bedürftigkeit, Mangel, also Schmerz, dem er folglich schon ursprünglich und durch sein Wesen anheimfällt. Fehlt es ihm hingegen an Objekten des Wollens, indem die zu leichte Befriedigung sie ihm sogleich wieder wegnimmt; so befällt ihn furchtbare Leere und Langeweile: d.h. sein Wesen und sein Daseyn selbst wird ihm zur unerträglichen Last. Sein Leben schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen dem Schmerz und der Langeweile, welche beide in der That dessen letzte Bestandtheile sind. Dieses hat sich sehr seltsam auch dadurch aussprechen müssen, daß, nachdem der Mensch alle Leiden und Quaalen in die Hölle versetzt hatte, für den Himmel nun nichts übrig blieb, als eben Langeweile.
Das stete Streben aber, welches das Wesen jeder Erscheinung des Willens ausmacht, erhält auf den höheren Stufen der Objektivation seine erste und allgemeinste Grundlage dadurch, daß hier der Wille sich erscheint als ein lebendiger Leib, mit dem eisernen Gebot, ihn zu ernähren: und was diesem Gebote die Kraft giebt, ist eben, daß dieser Leib nichts Anderes, als der objektivirte Wille zum Leben selbst ist. Der Mensch, als die vollkommenste Objektivation des Willens, ist demgemäß auch das bedürftigste unter allen Wesen: er ist ein Konkrement von tausend Bedürfnissen. Mit diesen steht er auf der Erde, sich selber überlassen, über Alles in Ungewißheit, nur nicht über seine Bedürftigkeit und seine Noth: demgemäß füllt die Sorge für die Erhaltung jenes Daseyns, unter so schweren, sich jeden Tag von Neuem meldenden Forderungen, in der Regel, das ganze Menschenleben aus. An sie knüpft sich sodann unmittelbar die zweite Anforderung, die der Fortpflanzung des Geschlechts. Zugleich bedrohen ihn von allen Seite die verschiedenartigsten Gefahren, denen zu entgehen es beständiger Wachsamkeit bedarf. Mit behutsamem Schritt und ängstlichem Umherspähen verfolgt er seinen Weg, denn tausend Zufälle und tausend Feinde lauern ihm auf. So gieng er in der Wildniß, und so geht er im civilisirten Leben; es gibt für ihn keine Sicherheit:

Qualibus in tenebris vitae, quantisque pericilis
Degitur hocc' aevi, quodcunque est!

Ach, in welchem Dunkel des Seins, in wie großen Gefahren,
Wird dies Leben verbracht, solang' es dauert!   (Lukrez, De rerum natura, II, 15)

Das Leben der Allermeisten ist auch nur ein steter Kampf um diese Existenz selbst, mit der Gewißheit ihn zuletzt zu verlieren. Was sie aber in diesem mühsäligen Kampfe ausdauern läßt, ist nicht sowohl die Liebe zum Leben, als die Furcht vor dem Tode, der jedoch als unausweichbar im Hintergrunde steht und jeden Augenblick herantreten kann. - Das Leben selbst ist ein Meer voller Klippen und Strudel, die der Mensch mit der größten Behutsamkeit und Sorgfalt vermeidet, obwohl er weiß, daß, wenn es ihm auch gelingt, mit aller Anstrengung und Kunst sich durchzuwinden, er eben dadurch mit jedem Schritt dem größten, dem totalen, dem unvermeidlichen und unheilbaren Schiffbruch näher kommt, ja gerade auf ihn zusteuert, dem TODE: dieser ist das endliche Ziel der mühsäligen Fahrt und für ihn schlimmer als alle Klippen, denen er auswich.
(Auszug aus "Bejahung und Verneingung des Willens zum Leben")
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Das gefundene Wort eines Rätsels

Die Entzifferung der Welt muss sich aus sich selbst bewähren durch die Übereinstimmung in die sie alle Seiten der Welt zu einander bringt, welches nur durch ihre Vermittlung geschehn kann. ... (ausgelassen) ...
Meine Entzifferung gibt durch Anwendung desselben Gedankens die Auslegung zum inneren unveränderlichen Streben jedes Wesens genannt Charakter oder essentia, zum Leiden des Lebens und zur Furcht vor dem Tode, zum Genusse des lebensfrohen Menschen und zur Wonne der Resignation, zur Freude am Schönen und zur Unfähigkeit der Menge anders als wollend des Lebens froh zu werden: sie setzt alle Erscheinungen in Zusammenhang und Übereinstimmung, bringt Einheit und Ordnung in ihr Gewirre und ist ein Exempel das aufgeht. Und welche andre Bewährung als diese Innere könnte ein philosophisches System haben? - Etwa die Ableitung aus einem Begriff? der bliebe dann als unerklärte und blind angenommene Notwendigkeit stehen. Das gefundene Wort eines Rätsels bedarf nicht noch eines Beweises dass es das rechte sei, sondern dies zeigt sich eben dadurch dass alle Aussagen des Rätsels zu ihm passen. Man muss nur den Willen und die Fähigkeit haben jede Aussage mit dem Wort zu vergleichen: beim Rätsel der Welt ist aber Wille und Fähigkeit hiezu nur Wenigen beschieden. Sie sehen durch die Brille des Vorurteils und haften an der früh eingeprägten Meinung.
Die wahre Philosophie wird sich dadurch bewähren, dass die unzählbaren Widersprüche, von denen die Welt (aus jedem andern Standpunkt gesehen) voll ist, in ihrem Lichte sich auflösen und verschwinden, hingegen Zusammenhang und Übereinstimmung überall zu finden sind.
(Manuskriptbücher 1822, Nr. 42)
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Das Principio individuationis

Wie auf dem tobenden Meer, das, nach allen Seiten unbegrenzt, heulend Wasserberge erhebt, auf einem Kahn ein Schiffer sicher sitzt, seinem Fahrzeug vertrauend; so vertraut und stützt der Mensch sich auf dem principio individuationis und sitzt ruhig mitten in einer Welt voll Qualen. Er ist der ganze Wille zum Leben, dessen Erscheinung die Welt ist, und wir müssen diese Erscheinung ein Leiden nennen. Tief im Innersten ist er sich bewusst dieser Wille zu sein. Aber diese unendliche Welt, voll Leiden, in unendlicher Zukunft und unendlicher Vergangenheit liegend, ist ihm fremd, ist ihm ein Märchen; nur seine verschwindende Person und die ausdehnungslose Gegenwart hat Wirklichkeit für ihn. Aber Grausen ergreift in sobald er irre wird am principio individuationis; so, wenn es scheint als käme eine Toter wieder, oder eine Zukunft werde sicher verkündigt, oder das Ferne werde wie das Gegenwärtige erkannt oder eine Veränderung geschehe ohne Ursache; kurz, so oft der Satz vom Grund, der das principium individuationis ist, in irgend einer seiner Gestalten Ausnahmen zu leiden scheint. Da merkt er, wie der Wille zum Leben der er selbst ist, in Allem lebt, wie in ihm, und wie alle Leiden der Welt, in Vergangenheit und Zukunft die seinen sind, und er doch nichts ist als eben dieser Wille.
Werden und Veränderung kommt nur der Erscheinung zu, nicht dem Ding an sich, dem Willen? wie denn ist Erlösung, Wendung des Willens, eine Veränderung im Dinge an sich zu fassen? - Kannst du es fassen und verstehn, wie ein Mensch der durch und durch nur Wille zum Leben ist, sein Leben opfert um Andre zu retten? oder wie er, der lauter Begierde ist, die objektiviert in seinem ganzen Leibe erscheint, sich jede Befriedigung freiwillig versagt, als Saniassi in Büssungen und Kasteiungen sein Leben zubringt? ja sich plötzlich also verändert, wie Benvenuto Cellini im Gefängnis? wie Goethe's schöne Seele, wie Spinoza, wie Raimund Lullius, alle Bekehrte: hast du das gefasst, so weisst du wie ein Anderswerden im Ding an sich zu denken ist.
(Manuskripte 1816, Nr. 618)
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Gleiches mit Gleichem erkannt

Der Pythagorische Satz, dass nur von Gleichem Gleiches erkannt werde, ist in vielerlei Beziehungen und auch in dieser wahr, dass Jeder den Andern nur so weit versteht, als er ihm gleich steht, oder wenigstens ihm homogen ist: was also Jeder an Jedem sicherlich wahrnimmt, ist das Allen Gemeinsame, das Gemeine, das Kleinliche, das Niedrige unsrer Natur: hierin begreift Jeder den Andern vollkommen: was aber Einer vor dem Andern voraus hat, ist für diesen nicht vorhanden, der vielmehr, so ausserordentliche Gaben es auch sein mögen, in Jenem doch stets nur seines Gleichen sehn wird, um so mehr, als er nur seines Gleichen sehn will; bloss eine unbestimmte Scheu, mit Groll gemischt, wird er empfinden, über etwas, das ihm in Jenem nicht klar wird, weil es über seine Kräfte hinausgeht, daher nicht zusagt.
Hierauf beruht es, dass nur der Geist den Geist vernimmt, dass Werke des Genies nur von Genies gänzlich gefasst und geschätzt werden und eben deshalb lange Zeit brauchen, ehe sie mittelbar unter denen zu Ansehn gelangen, für die sie eigentlich nie dasein werden. - Hierauf ferner beruht die Frechheit mit der Jeder Jedem ins Angesicht sieht, voll Zuversicht, dass ihm nie etwas Anderes begegnen könne, als ein erbärmliches seines Gleichen, wie auch die Dreistigkeit, mit der Jeder Jedem widerspricht. Endlich beruht es hierauf, dass grosse Vorzüge des Geistes isolieren, und die Hochbegabten sich stets vom vulgus (und das heisst Allen) entfernt hielten, indem sie unter diesem nur als ihm gleich sich mitteilen, nur den Allen gemeinen Teil ihres Wesen äussern können, sich also recht eigentlich gemein machen, ja selbst wenn sie ein auf Autorität fest begründetes Ansehn haben, dieses unter Jenen und persönlich bald einbüssen, indem Alle für die Eigenschaften, darauf es gegründet ist, blind sind, wohl aber das Niedrige Allen Gemeinsame an ihnen wahrnehmen, wo dann bald sich das Arabische Sprichwort bewährt: scherze mit dem Sklaven; bald wird er dir den Hintern zeigen. -
Aus dem obigen folgt auch noch dies, dass ein Hochbegabter im Umgang mit Andern stets denken muss, dass der vorzüglichste Teil seines Wesens unter einer Nebelkappe steckt: desgleichen, dass wenn er genau wissen will, wie viel er einem Andern sein kann, er nur zu betrachten hat, wie viel dieser ihm ist; welches meistens herzlich wenig sein wird: daher er den Andern nicht besser gefällt, als sie ihm.
(Manuskriptbücher 1833, Nr. 162)
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Der Egoismus

Wenn Swedenborg in der "vera Christiana religio" § 400 sagt "der egoistische Mensch sehe zwar mit den Augen des Leibes die Übrigen auch als Menschen; mit den Augen seines Geistes aber sehe er nur sich und die Seinigen als Menschen die Übrigen aber eigentlich nur als Larven": - So ist dies, dem innersten Sinn nach, dasselbe als Kants Vorschrift, "man solle Andere nie bloss als Mittel sondern als Selbstzwecke betrachten" - Aber wie verschieden ausgedrückt: wie lebendig, scharf treffend, anschaulich unmittelbar erschöpfend bei Swedenborg (dessen Manier und Denkungsart ich sonst nicht geniessbar finde) und wie indirekt, abstrakt, durch ein abgeleitetes Merkmal ausgesprochen bei Kant.
(Manuskripte 1817, Nr. 674)
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Kunst, Poesie, Malerei und Selbstbiographien

Um von allen Ideen diejenige kennen zu lernen, welche die vollkommenste und entwickelteste Objektität des Willens ist, nämlich den Menschen, sind, nächst der eignen Erfahrung die gleichsam das Wörterbuch ist zur Sprache der Künste und Geschichte, die Hauptlehrmeister die Kunst, nämlich Poesie und Malerei, nächst diesen die Biographien der Einzelnen vornehmlich Selbstbiographien, und erst zuletzt die Geschichte. Denn in dieser handeln nicht Menschen, sondern Armeen und Völker und die Einzelnen welche etwa auftreten erscheinen in so grosser Entfernung mit so vieler Umgebung und Gefolge, und verhüllt in schweren Staatskleidern und unbiegsamen Harnischen, dass es sehr schwer ist die menschlichen Bewegungen durch alles das zu erkennen. Hingegen zeigt das Leben der Einzelnen die Handlungsweise der Menschen in allen ihren Nüancen und Gestalten, die Trefflichkeit, Tugend, Heiligkeit Einzelner, die Schwärze, Verkehrtheit, Ruchlosigkeit der Meisten: welches die Gegenstände sind, um die sich alles dreht, ob Kronen oder Kleinigkeiten ist ein äusserer, relativer für das Wesen der Sache ganz nichtiger Unterschied: denn hier wie in der Kunst, kommt es nicht auf den Stoff an, sondern auf die Behandlung, auf das Wollen und Tun und die Relation des Motivs zur Person, nicht auf das Motiv in seiner Relation zu andern äussern Dingen, da sie alle an sich gleich unbedeutend sind und nur als Motive d.h. sofern sie den Willen bewegen, Bedeutung haben, wobei es gleichgültig ist, ob sie Königreiche oder Bauernhöfe sind. Auch hat man Unrecht zu meinen Selbstbiographien seien voller Trug und Verstellung. Vielmehr ist dort das Lügen schwerer als irgendwo: Verstellung ist am leichtesten in der blossen Unterredung, schwerer in einem Briefe, weil da der Mensch sich selbst überlassen ist, in sich sieht und schwer sich das Ferne und Fremde nahe hält: aus einem Buche das er schrieb lernt man den Menschen am besten kennen, weil alle jene Bedingungen hier noch stärker und anhaltend wirken: und in einer Selbstbiographie sich zu verstellen ist schwer, dass es wohl keine einzige gibt, die nicht viel wahrer als alle übrige geschriebene Geschichte wäre. Der Mensch der sein Leben aufschreibt übersieht es im Ganzen und Grossen, das Einzelne wird klein, das Nahe rückt in die Ferne, die Rücksichten verschwinden, er sitzt sich selbst zur Beichte, hat sich freiwillig hingesetzt und der Geist der Lüge kann ihn hier nicht leicht fassen. Die Kunst aber hat vor Allem jenen den Vorzug, dass in ihr der Genius, der nicht einzelne Dinge (oder Erscheinungen) sieht, sondern Ideen (vollkommne Objektitäten des Dinges an sich) eine Zusammenstellung von lauter Wesentlichem und Bedeutendem macht, mit Aussonderung alles Zufälligen und Leeren. Darum spiegelt sie den Menschen und die Welt ungleich deutlicher als alle Geschichte. In dieser Rücksicht findet zwischen der Erkenntnis des Menschen (der Idee nach) und der der nicht erkennenden Natur folgender Vergleich statt: durch die Geschichte erkennt man den Menschen wie man die Natur erkennt durch eine Aussicht von einem sehr hohen Berge: man sieht grosse Massen, umfasst sehr vieles: aber nichts ist deutlich, nichts einzeln, nichts einem ganzen und eigentlichen Wesen nach zu erkennen: das dargestellte Leben des Einzelnen zeigt uns hingegen den Menschen so, wie uns die Objekte der Natur gegeben werden durch die Betrachtung ihrer Pflanzen, Felsen und Gewässer im Einzelnen. In der Poesie aber und Historienmalerei (zu der auch jede Menschenszene der Niederländer gehört) hält uns der Genius den verdeutlichenden Spiegel vor in welchen wir mit seinen Augen sehn, d.h. das Wesentliche und Bedeutsame isoliert sehn, und denjenigen Eindruck davon empfangen, welcher die Erkenntnis die ich mit Platon die Idee nenne. Eben dieses leistet nun der Landschaftmaler in Hinsicht auf die nichterkennende Natur.
(Manuskripte 1817, Nr. 679)
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Götter und Verhaltensregeln

Die Götter, welche die verschiedenen Religionen auf der Erde verkünden, sind an Quantität und Qualität sehr von einander verschieden, abweichend und heterogen: hingegen ist ihr Codex, das was sie verbieten und gebieten, was sie hassen und strafen, oder lieben und belohnen, überall das Eine und selbe, (unwesentliche Kleinigkeiten abgerechnet) und die Religion, welche gar keine Götter hat, die Buddhaistische, hat doch den Codex und sehr vollständig. Daraus ist viel zum Vorteil des Codex und zum Nachteil der Götter zu schliessen.
(Manuskriptbücher 1831, Nr. 94)
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Die Heiterkeit der Wahnsinnigen

Bei häufiger Beobachtung der Wahnsinnigen finde ich nicht dass ihre Vernunft, noch dass ihr Verstand krank sei, am wenigsten aber dass das Beste im Menschen bei ihnen leide, da sie im Gegenteil oft der seeligsten Ruhe, sogar einer sehr heiligen Stimmung, und fast Alle einer durchgängigen Heiterkeit und Zufriedenheit geniessen: daher der Wahnsinnige in Bezug auf den leidenden Teil ein dem Bösen grad entgegengesetzter Kranker ist. Bei diesem leidet das Ewige, bei jenem nur das Endliche. - ... (Rest weggelassen)
(Manuskripte 1814, Nr. 148)

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Die Wurzel des bösen und des guten Charakters

Die Wurzel des bösen und des guten Charakters liegt, so weit wir solche mit der Erkenntnis verfolgen können, darin, dass die Auffassung der Aussenwelt und zumal der belebten Wesen, und desto mehr je ähnlicher sie dem eigenen Selbst des Individuums sind, - bei dem bösen Charakter begleitet ist von einem beständigen "Nicht-Ich, Nicht-Ich, Nicht-Ich!" - Dadurch erscheinen sie ihm fremd, feindlich, verhasst, er glaubt sich bei jeder Gelegenheit von ihnen beeinträchtigt, gehemmt, angefochten, woraus eine gehässige Stimmung hervorgeht: Neid bei ihrem Wohlsein, Freude bei ihrem Schmerz. Daher ist bei dieser Gesinnung der Tod so bedenklich, indem er das eigene Ich, welches ihr das allein reale ist, aufhebt, und das Wesen dieses Menschen nur noch in Jenem, welches ihm bisher so entschieden Nicht-Ich war, fortbestehn lässt, ihn zurückversenkt in das Allgemeine, von dem er sich so bestimmt ausschied, das verneint, was er bisher allein bejahte, und das bejaht, was er verneinte. Zum guten Charakter hat hingegen der Tod nicht dies furchtbare Verhängnis: denn beim guten Charakter (wir nehmen diesen wie jenen als im hohen Grade vorhanden an) ist umgekehrt der stets begleitende Grundbass jener Auffassung ein beständig gefühltes "Ich, Ich, Ich!" - woraus eben Wohlwollen und hilfreiche Gesinnung gegen alles Lebende, am meisten gegen alle Menschen und zugleich eine heitere, getroste, beruhigte Gemütsverfassung erwächst, von der das Gegenteil den bösen Charakter begleitet.
Dies Alles ist aber nur das Phänomen, wenn auch an der Wurzel gefasst. Aber daran knüpft sich das schwerste aller Probleme: woher, bei der Identität und metaphysischen Einheit des Willens als Dinges an sich, die himmelweite Verschiedenheit der Charaktere? die hämische, teuflische Bosheit des Einen? die desto greller abstechende Güte des Andern? wodurch waren Jene Tiberius, Caligula, Caracalla, Domitian, Nero? - und Diese die Antoine, Titus, Hadrianus, Nerva u.s.w.? - Woher eine eben solche Verschiedenheit bei den Tierspezies? ja in den höhern Geschlechtern bei den tierischen Individuen? - die Bosheit des Katzengeschlechts, am stärksten entwickelt im Tiger? - die Tücke des Affengeschlechts? - die Güte, Treue, Liebe des Hundes? des Elephanten? u.s.f.? Offenbar ist das Prinzip der Bosheit im Tiere dasselbe wie im Menschen.
Etwas können wir die Schwierigkeit des Problems dadurch mildern, dass wir bemerken, dass alle jene Verschiedenheit, denn doch am Ende nur den Grad betrifft, und die Grundneigungen, Grundtriebe in allem Lebenden sämtlich vorhanden sind, nur in sehr verschiedenem Grad und verschiedenem Verhältnis unter einander. Doch reicht das nicht aus.
Als Erklärungsgrund bleibt uns allein der Intellekt und sein Verhältnis zum Willen. Allein der Intellekt steht keineswegs im direkten und graden Verhältnis zur Güte des Charakters. Wir können zwar im Intellekt selbst wieder unterscheiden Verstand als Auffassung der Verhältnisse nach dem Satz vom Grunde, - und die dem Genie verwandte, von diesem Gesetz unabhängige, das Principium individuationis durchschauende, mehr unmittelbare Erkenntnis, welche auch die Ideen auffasst, und diese ist es, welche sich auf das Moralische bezieht. Allein auch die Erklärung hieraus lässt noch viel zu wünschen übrig. "Schöne Geister sind selten schöne Seelen", ist richtig bemerkt worden von Jean Paul: wiewohl sie auch nie das Umgekehrte sind. Baco von Verulam, freilich weniger ein schöner, als ein grosser Geist, war ein Schurke.
Ich habe als principium individuationis Zeit und Raum erklärt, da die Vielheit des Gleichartigen nur durch sie möglich ist. Aber das Viele ist auch ungleichartig, die Vielheit und Verschiedenheit ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Woher die letztere, zumal in ethischer Hinsicht? -
Die intellektuelle Verschiedenheit hat ihren nächsten Grund im Gehirn und Nervensystem und ist dadurch etwas weniger dunkel: Intellekt und Gehirn sind den Zwecken und Bedürfnissen des Tieres, also seinem Willen, angemessen. Nur beim Menschen findet sich bisweilen ausnahmsweise ein Überfluss, der, wenn er stark ist, das Genie gibt.
Aber die ethische Verschiedenheit scheint unmittelbar aus dem Willen hervorzugehn. Sonst wäre sie auch nicht ausserzeitlich, da Intellekt und Wille nur im Individuo vereinigt sind. Der Wille ist ausserzeitlich, ewig; und der Charakter ist angeboren, also jener Ewigkeit entsprossen; folglich durch nichts Immanentes zu erklären.
(Manuskriptbücher 1834, Nr. 97)
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Das Menschliche Werk und die Ähnlichkeit mit der Natur - augenscheinliche Zweckmässigkeit

Jedes menschliche Werk zum Zweck menschlicher Bedürfnisse, also jedes Gerät jeglicher Art und jedes Bauwerk muss, um schön zu sein, dem Werk der Natur ähnlich sein: man hat das längst gefühlt: aber man irrte darin, dass man meinte, diese Ähnlichkeit müsse unmittelbar sein, in der Form selbst liegen und daher müssten Säulen Bäume zum Modell haben, oder gar menschliche Gliedmassen vorstellen, Gefässe müssten Schnecken und Muscheln ähnlich sein und überhaupt allenthalben an jedem Gerät und Gefäss vegetabilische Formen und Verzierungen angebracht sein. So ist es nicht: Nicht durch die Form, sondern bloss durch den Charakter der Form muss das schöne Gerät sich dem Naturprodukt nähern: und der Charakter kann bei ganz verschiedener Form derselbe sein. Er besteht darin, dass jedes Ding und jeder Teil seinem Zweck so unmittelbar entspricht, dass er ihn sogleich sichtbar macht, welches geschieht dadurch, dass es auf dem kürzesten und einfachsten Wege diesen Zweck erreicht. Diese augenscheinliche Zweckmässigkeit charakterisiert das Naturprodukt, und obgleich in diesem der Wille von innen aus wirkt und sich der Materie ganz bemeistert hat, hingegen im menschlichen Gemüt der Wille erst durch die Vermittlung eines Begriffs vom Zweck des Dings sich ausdrückt und an einer Materie, die, ursprünglich einen andern Willen zeigend, von aussen überwältigt werden muss; so können doch auch menschliche Geräte diesen Charakter zeigen. Ein Beispiel gibt durchgängig die antike Baukunst: jegliches, Säule, Bogen, Pfeiler, Fenster, Türe, erreicht seinen Zweck auf die geradeste und natürlichste Weise und drückt ihn aus, so naiv wie das Naturprodukt: man fühlt, dass wenn die Natur dergleichen Dinge hätte schaffen wollen, sie es in dieser Form getan hätte. Die geschmacklose Architektur macht unnütze Umwege und sinnlose Schnörkel, spielt mit den Mitteln der Kunst ohne ihre Zwecke zu verstehn. Hingegen ganz besonders sind die hetrurischen Vasen und alle Gefässe der Alten ein glänzendes Beispiel: jedes spricht durch seine Form seinen nächsten Zweck geradezu naiv aus: es ist im Geiste der Natur gebildet; daher rührt der erstaunende Unterschied zwischen den antiken Gefässen und den unseren im Originalgeschmack: auf diesen ruht ein ganz eigener Stempel der Gemeinheit; während jene durch das Edle ihrer Formen stets von neuem überraschen. - Man sehe den Geschmack in Möbeln jetziger Zeit: vor 60 Jahren waren sie voll unnützer Schnörkel, Nebenwerk, unverständig und unverständlich: jetzt spricht jeder Teil derselben naiv seinen Zweck aus und eilt ihm auf dem kürzesten Wege entgegen. Man sehe Kronleuchter im neuen Konzertsaal in Berlin. Wenn die Natur Kronleuchter wachsen liesse würden sie so aussehen.
(Manuskriptbücher 1821, Nr. 33)
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Wir zerstören fremde Form

Dadurch, dass wir essen fallen wir dem Tode und dadurch, dass wir zeugen, dem Leben notwendig anheim.
Denn, durch das Essen zerstören wir die fremde Form, um uns ihrer Materie zu bemeistern: daher muss, weil alles Lebende demselben Gesetze unterliegt, auch unsre Form wieder zerstört werden, damit ihre Materie wieder andern Formen zufalle.
Die Zeugung aber ist die vollendete Bejahung des Willens zum Leben, die eben als Leben erscheinen muss.
(Manuskriptbücher 1821, Nr. 93)
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Andere von der Wahrheit überzeugen

Um einen Andern von einer Wahrheit zu überzeugen, die gegen einen von ihm lebhaft festgehaltenen Irrtum streitet, ist die Regel des Verfahrens leicht und natürlich; nämlich diese: die Prämissen vorher gehn zu lassen und die Konklusion nachher. Und doch wird diese Regel selten beachtet, sondern umgekehrt verfahren: weil unsere Heftigkeit, Eifer und Rechthaberei uns treiben die Konklusion laut und gellend dem am entgegengesetzten Irrtum Hängenden entgegen zu schreien: hierdurch wird er kopfscheu und stemmt nun seinen Willen gegen alle Gründe und Prämissen, von denen er schon weiss, zu welcher ihm verhassten Konklusion sie führen sollen. Dann ist Alles verloren. - Statt dessen soll man die Konklusion völlig verdeckt halten: ja man kann in hohen Fällen, wie Kant, eine falsche, entgegengesetzte darüber decken: immer also die Konklusion zudecken, und bloss die Prämissen geben; diese vollständig, deutlich, allseitig: dann spreche man die Konklusion, die der Zweck ist, selbst gar nicht aus: sondern überlasse sie zu ziehn dem zu Überzeugenden. Er wird dies heimlich tun und desto aufrichtiger. Er hat dann nicht die Beschämung überzeugt worden zu sein; sondern den Stolz sich selbst überzeugt zu haben.
(Manuskriptbücher 1820(?), Nr. 99)
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Die Freiheit des Willens

Zweifeln ob der Wille frei ist, heisst eigentlich fragen, ob der Mensch etwas anderes wollen kann, als er will; denn das heisst es, wenn man frägt, ob die Bestimmung etwa nicht vom Willen, sondern von den Umständen ausgeht.
Die Objekte als Motive nötigen den Willen doch immer nur sofern er sie will oder nicht will: die erste und ursprüngliche Bewegung geht also immer vom Willen aus: und er ist frei, weil er durchaus sich selbst bestimmt, nicht von etwas Anderm bestimmt wird. Die Objekte als Motive geben ihm bloss Gelegenheit sich zu äussern, d.h. sich selber und andern offenbar zu werden, in die Erkenntnis zu treten.
Nun aber ist zu beachten, dass der Wille des Menschen eben auch das ganze Wesen des Menschen ist, daher dieser, wenn er in einem gegebenen Fall etwas anderes wollen sollte, als er jetzt will, sofort auch ein andrer sein müsste. Denn sein Wollen ist sein Sein: beides sind Wechselbegriffe, verschiedene Gesichtspunkte derselben Sache: darum folgt aus dem was der Mensch ist, notwendig was er will, und aus dem was er will folgt notwendig was er ist. Sind also im einzelnen Fall der individuelle Wille und die Motive vorhanden; so liegen hierin die Data zur erfolgenden Tat so notwendig wie in zwei Winkeln und der Linie die Data zum Dreieck.
Die verkehrte Nachfrage nach einer Freiheit des Willens, vermöge deren jedem Menschen in jedem Fall jede Tat möglich wäre, hat ihre Wurzel in der falschen Voraussetzung dass das Eigentliche (das Ursprüngliche) im Menschen nicht der Wille wäre, sondern die Erkenntnis und dass das Wollen als eine blosse Folge und Äusserung des Erkennens hinzukäme, weshalb man dem Menschen eine Seele beilegte, die ursprünglich ein erkennendes Wesen wäre und nur in Folge davon ein wollendes. Man machte den Willen sekundärer Natur, statt dass die Erkenntnis es ist. Demnach würde der Mensch zuvörderst ein Ding für gut erkennen und in Folge davon es wollen; statt dass er zuvörderst es will und in Folge davon es für gut erkennt. - In Gemässheit jener Annahme aber wäre die Sphäre des dem Willen des Menschen Möglichen so gross als die des für seine Erkenntnis Möglichen: und da in dieser letztern die ganze objektive Möglichkeit liegt, so stände diese eben auch seinem Wollen offen, d.h. er könnte in jedem einzelnen Fall jede objektiv mögliche Tat vollbringen; statt dass in Wahrheit er hierin an die subjektive Möglichkeit die sein Charakter angibt, gebunden ist: welche von Aussen betrachtet als Notwendigkeit erscheint.
(Manuskriptbücher 1822, Nr. 113)
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Das Urelement Wasser

Lavoisier zersetzte das bisherige Urelement Wasser in Hydrogen und Oxygen, und schuf dadurch eine neue Periode der Physik und Chemie. Ich aber habe die bisherige Seele oder Geist, , zersetzt in 2 Grund-Verschiedene, Wille und Vorstellung, wodurch die wahre Metaphysik begonnen hat. Denn alle bisherigen Systeme fingen entweder mit der Materie an, welches Materialsmus gab, oder mit dem Geist, Seele, welches Idealismus, wenigstens Spiritualismus gab: als sehr gutes Beispiel siehe Plato de legibus X p. 79-83. 1. Beide Arten führten aber zuletzt immer auf Absurditäten, und kein System war haltbar.
Ich setze den einen Bestandteil der , den Willen, als das Erste und Primäre, den andern, nämlich das Erkennende oder das Subjekt, als das 2te, Sekundäre, und die Materie als das notwendige Wechsel-Korrelat dieses Zweiten, indem keine Materie ohne ein Vorstellendes, aber auch kein Vorstellendes ohne Materie möglich ist. Erstere, weil die Materie als solche nur in der Vorstellung existiert; das Andre, weil das Vorstellungsvermögen nur als Eigenschaft eines Organismus existieren kann.
(Manuskriptbücher 1831, Nr. 19)
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1 Er lässt alle Bewegung und alles Dasein von der ausgehen und deshalb von der Erkenntnis und Vorstellung, und eben so machten und machen es alle, mit Ausnahme der Materialisten und Hylozoisten: - während das wahre Ursprüngliche oder erste Prinzip der Dinge nicht die ist, sondern, einen chemischen Ausdruck zu gebrauchen, die Basis der , und diese ist der Wille. Die selbst ist schon ein Zusammengesetztes, sie ist mit dem vereinigt, der sekundär ist. - Alle Philosophen haben sich geirrt, indem sie die Seele oder den Geist, oder das Ich, in welchem wir Wille und Erkenntnis als Eins denken, für ein Einfaches und Ursprüngliches hielten, und ihr Irrtum ist dem der Physiker analog, die das Wasser als einfach und ursprünglich annahmen.
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Raum und Zeit

Sagt mir, wann der Raum entstand, und wo die Zeit, seine flüchtige Braut, geboren ward, endlich wie die Materie, ihr gemeinsames Kind, ins Dasein trat, und so das Grundgerüst zu einer leidenden Welt gelegt wurde. Mit dem Raum entstand der Streit, und mit der Zeit die Vergänglichkeit.
(Manuskriptbücher 1830, Nr. 33)
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Glücklichster Augenblick des Einschlafenden

Man sage was man will! Der glücklichste Augenblick des Glücklichen ist der seines Einschlafens, wie der unglücklichste des Unglücklichen der seines Erwachens.
(Manuskriptbücher 1833, Nr. 146)
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Die Idee des Wassers, die Idee des Lichts, Architektur und Kunstgärtnerei

Um die Idee des Wassers aufzufassen ist es nicht hinreichend es im ruhigen Teich und im gleichfliessenden Strom zu sehen; sondern diese Idee entfaltet sich ganz erst indem das Wasser unter alle Umstände und Hindernisse gebracht ist, die auf dasselbe einwirken können: darum finden wir es schön, wenn es herabstürzt, schäumt, wieder aufspringt, zerstäubt, u.s.w.: sogar wenn es in künstliche Fontänen gezwungen ist: denn alles dieses dient die Idee des Wassers ganz zu entfalten: den Umständen gemäss zeigt es immer andre Seiten seiner Natur, wobei es stets seinen Charakter behauptet und sich selbst treu bleibt; es ist ihm eben so natürlich aufwärts zu spritzen als ruhig abwärts zu fliessen, wenn uns gleich jenes fremder ist, weil die Umstände dazu seltener eintreten: dem Wasser selbst aber ist es nicht fremder, es ist zum einen wie zum andern bereit je nachdem die Umstände sind. Da der Genuss der Schönheit in Auffassung der Ideen besteht, so sucht man in Gärten und Anlagen auch die Idee des Wassers ganz zu zeigen und bringt es daher unter solche Umstände wo es sich auf alle Weise entfaltet; eben so sucht man die verschiedenen Ideen der Pflanzen und Bäume hervorzuheben durch Nebeneinanderstellen der verschiedensten Spezies und Gruppierung. Eben so objektivieren erst mannigfaltig gestaltete Felsen die Ideen der rohen Materie, der Kohäsion, Starrheit, Schwere: eben diese Basstöne der Natur sind es auch welche in ihrer ganzen Fülle und Mannigfaltigkeit die Architektur zu entfalten strebt, und zugleich die Idee des Lichts: je einfacher und ärmer an Gehalt die sich objektivierenden Ideen sind, desto mehr tritt bei der Kontemplation das Bewusstsein des reinen willensfreien Erkennens im Subjekt hervor.
Was der Architekt und der Kunstgärtner mit Steinen, Wasser und Bäumen beabsichtigen, die Entfaltung dieser einfachen Ideen in ihrem ganzen Umfang durch Mannigfaltigkeit der Umstände: dasselbe beabsichtigt mit derjenigen Idee welche die vollendeteste Objektität des Willens ist, also mit dem Menschen, der epische und tragische Dichter. Das Leben des Menschen wie es sich meistens in der Wirklichkeit zeigt, gleicht dem Wasser im Teich und im Fluss: im Roman und Trauerspiel, werden menschliche Charaktere unter solche Umstände gebracht, an welchen sie sich entfalten und die Tiefen des menschlichen Gemüts sichtbar werden, indem ausserordentliche und bedeutende Handlungen hervortreten: so objektiviert uns die Kunst, die Idee des Menschen, welche sich in höchst individuellen Charakteren darstellt.
(Manuskripte 1817, Nr. 691)
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Das Leiden ist Bedingung zur Wirksamkeit des Genius

Das Leiden ist Bedingung zur Wirksamkeit des Genius. Glaubt ihr dass Shakespeare und Goethe gedichtet oder Platon philosophiert und Kant die Vernunft kritisiert hätte, wenn sie in der sie umgebenden wirklichen Welt Befriedigung und Genüge gefunden hätten, und ihnen wohl darin gewesen wäre und ihre Wünsche erfüllt worden? -
Erst nachdem wir mit der wirklichen Welt in gewissem Grade entzweit und unzufrieden sind, wenden wir uns um Befriedigung an die Welt des Gedankens.
"Nur das Leiden ja hebt über Dich selbst Dich hinaus." -
(Manuskripte 1817, Nr. 708)
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Die Begriffe der Vernunft

Die Begriffe der Vernunft entstehen durch Reflexion der anschaulichen Welt und enthalten daher alle Formen und Verhältnisse die in dieser je vorkommen können, so dass man allerdings von Begriffen auf anschauliche Vorstellungen zurückgehen kann, wie dieses der Fall ist bei jeder anschaulichen Vorstellung die in einem Individuo erweckt wird durch Mitteilung von Begriffen. Nur bleibt immer einiges unbestimmt und willkürlich wegen der Repräsentation der Begriffe.
Nicht aber sind eben so die Formen der Sprache ein vollkommener Abdruck der Verhältnisse der Begriffe: sondern wegen der Beschränktheit und Unvollkommenheit dieser Zeichen, werden ganz verschiedene Verhältnisse von Begriffen durch die selben Sprachformen ausgedrückt: z.B. das Wasser kocht, der Sinus misst den Winkel, die Beschäftigung zerstreut, der Geist denkt, der Wille entscheidet u.s.w. - Dies hat man nicht bedacht und daher vermeint aus den Sprachformen unmittelbar die Verhältnisse der Begriffe und dann aus diesen die anschauliche Welt bestimmen und erkennen zu können: aus diesem Irrtum sind viele falsche Philosophische Begriffe entstanden, z.B. der der Substanz welche definiert wird "Substanz ist was in einem Satz immer nur Subjekt, nie Prädikat sein kann."
Aus diesem Irrtum sind auch hervorgegangen die Kategorien Aristoteles und Kants. Beide wollen aus den Sprachformen die Verhältnisse der Begriffe und somit auch die der anschaulichen Welt bestimmen. So bringen Kant und Kantianer unter die Kategorie Quantität, die allgemeine und besondere Beschaffenheit der Urteile und jede Grösse in Raum und Zeit - auf eine höchst einfältige Weise.
Schon lexikalisch bezeichnet dasselbe Wort verschiedene Begriffe und dies benutzt Platon bisweilen zu Sophismen: aber noch vielmehr grammatikalisch bezeichnen die wenigen vorhandenen Formen der Verbindung von Worten, die verschiedensten mannigfaltigsten Formen der Verbindung von Begriffen und doch hat jene Formen Kant zum Leitfaden seiner Kategorien gemacht. Nur durch das lexikalische und grammatikalische zugleich werden die Verbindungen und Verhältnisse der Begriffe bestimmt, welche (wenn sie richtig sind) adäquate reflektierte also allgemeine Vorstellungen der anschaulichen Welt sind: nicht kann man daher die Begriffe (welche allein von den Worten bezeichnet werden) überspringen und unmittelbar aus den Gesetzen der Wortverbindungen (allgemeine Grammatik) die Gesetze der anschaulichen Welt erkennen.
(Manuskripte 1817, Nr. 641)
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Die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens

Meine ganze Philosophie lässt sich zusammenfassen in dem einen Ausdruck: die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens.
(Manuskripte 1817, Nr. 662)
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Woher der Wille kommt

Zuletzt nach aller Philosophie, könnte man vielleicht noch fragen: woher nun aber endlich dieser Wille, der frei ist sich zu bejahen, wovon die Erscheinung solche Welt, oder sich zu verneinen, wovon wir die Erscheinung nicht kennen; woher zuletzt dies ganze Wesen? Hierauf wäre schon geantwortet dadurch, dass der Satz vom Grunde, auf dem alles Woher beruht, nur auf die blosse Erscheinung Anwendung findet, nicht darüber hinaus. - Aber auch überdies ist folgendes die Antwort: Davon ist nicht bloss für uns keine Erkenntnis möglich, sondern überhaupt nie und nirgends eine. Das ist nicht relative, sondern absolut unerforschlich. Es weiss es nicht nur Niemand, sondern es kann an sich nie gewusst werden. ... (ausgelassen) ... Für die Antworten die dergleichen Fragen heischten, hat unser Denken gar keine Formen: es sind die "thougts beyond the reaches of our souls" (Hamlet I, 4) und wollen wir es mit denen die wir haben versuchen, so geraten wir in ein endloses Labyrinth: denn die Verhältnisse die wir dann zu denken versuchen sind transzendente Verhältnisse.
(Manuskriptbücher 1821, Nr. 2)
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Der Selbstmord

Der Selbstmord ist ein Meisterstück der Maja: Wir heben die Erscheinung auf und sehn nicht dass das Ding an sich unverändert dasteht: wie der Regenbogen feststeht so schnell auch Tropfen auf Tropfen fällt und sein Träger wird auf einen Augenblick. Nur die Aufhebung des Willens zum Leben im Allgemeinen kann uns erlösen: die Entzweiung mit irgend einer seiner Erscheinungen lässt ihn selbst unerschüttert stehn, und so lässt das Aufheben jener Erscheinung das Erscheinen des Willens im Allgemeinen unverändert.
Überall erscheint der Gegensatz zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen: jener als der rechte dieser als der unrechte Weg.

 
Allgemeines
Einzelnes
Meta-
physik
Platonische Idee

Kants Ding an sich

Reines Subjekt des Erkennens,

mit Ruhe und Seeligkeit
Das Werdende, nie Seiende

Erscheinung

Maja
Ästhetik
Reines Subjekt des Erkennens,
mit Ruhe und Seeligkeit

Heiterkeit der Kunst

Platonische Idee als Objekt
der Kunst
Dem Willen fröhnendes Erkennen
mit Angst und Sorgen

Erbärmlichkeit der Wirklichkeit

Einzelnes Ding als Objekt des
Willens
Moral
Aus Erkenntnis des Wesens
entsprungene Abwendung des
Willens vom Leben zeigt sich
als Resignation, Tugend,
Weltüberwindung, Asketik,
wahre Gelassenheit, Willens-
losigkeit.
Heftiger Wille zum Leben über-
haupt, aber Krieg mit der
einzelnen Erscheinung, Leiden-
schaft, Geiz, Zorn, Neid, stets
wachsender Durst, Laster, Bos-
heit. Selbstmord nach schwerem
Kampf; als völlige Erscheinung
der Entzweiung des Willens zum
Leben mit sich selbst.
 
Liebe
Egoismus
 
Tötung des Willens

Theorie
Tötung des Leibes

Empirie

(Manuskripte 1816, Nr. 577)
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Zeit, Vergangenheit, Zukunft, ewige Gegenwart

Die Zeit besteht aus lauter Zukunft und Vergangenheit: sie gleicht einem Kreise der sich dreht ohne Ende wobei stets die eine Hälfte (Zukunft) steigt, während die andre (Vergangenheit) fällt: aber die Gegenwart gleicht der Tangente, die in einem unteilbaren Punkte den Kreis berührt, aber nicht zu ihm gehört, noch sich mit ihm bewegt: sie gleicht einem Felsen an dem sich der vorübereilende Strom bricht, ihn aber nicht mit fortreisst. Denn die Zeit ist Form der Erscheinung; aber die Gegenwart gehört ihr nicht an, sondern ist der Berührungspunkt des Dings an sich, des Subjekts des Erkennens mit der Erscheinung, mit der Zeit.
Daher gibt es keine Zukunft nach dem Tode, wie keine Vergangenheit vor dem Leben. Aber eine ewige Gegenwart gibt es, in welcher der Wille zum Leben sich erscheint und der wir nicht entrinnen so ferne und so lange wir dieser Wille sind. Die Objektität dieses Willens erscheint immer als Gegenwart, welche eine unendliche Zeit schneidet. Sie steht unverrückbar wie ein immerwährender Mittag ohne einen kühlenden Abend, gleich der wirklichen Sonne, die ohne Unterlass brennt, während sie nur scheinbar in den Schoß der Nacht sinkt. Darum befreit der Selbstmord nicht vom Leben und nur mit falschem Scheine lockt der finstre kühle Orkus als Hafen der Ruhe. Nur Wendung des Willens erlöst vom Leben. Selbstmord ist daher eine vergebliche, eitle, törichte Handlung. Darum verbot ihn das Christentum, und da es das wesenlose des innern Wesens des Selbstmordes nicht zu erklären wusste, rechnete es ihn zu den Sünden, mit Unrecht, daher es hierin immer Widerspruch fand und sich mit abgeschmackten Sophismen, vor einem Posten den man nicht verlassen darf verteidigte: der Selbstmord andrerseits fand nie eine völlig genügende Rechtfertigung.
Wie Jeder in seiner Phantasie das Oben und Unten der Erdkugel an die Stelle derselben knüpft die er einnimmt, so knüpft er die Gegenwart an seine Individualität und meint vor und nach derselben sei lauter Vergangenheit und Zukunft ohne Gegenwart: wie aber auf der Erdkugel überall oben ist, so ist auch die Form alles Lebens Gegenwart, und den Tod fürchten weil man durch ihn um die Gegenwart kommt, ist eben so töricht als fürchten man könne von der runden Erdkugel auf der man glücklicherweise oben steht hinuntergleiten.
(Manuskripte 1816, Nr. 582)
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Alle Gedanken

Alle Gedanken, welche ich aufgeschrieben, sind auf äussern Anlass, meistens auf einen anschaulichen Eindruck, entstanden und vom Objektiven ausgehend niedergeschrieben, unbekümmert wohin sie führen würden: aber sie gleichen Radien, die von der Peripherie ausgehend alle auf Ein Zentrum laufen, welches die Grundgedanken meiner Lehre sind: zu diesem führen sie von den verschiedensten Seiten und Auffassungen aus.
(Manuskriptbücher 1832/33, Nr. 126)
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Erfüllt mit Indignation

Conclusio. Erfüllt mit Indignation über die schändliche Verstümmelung der deutschen Sprache, welche, durch die Hände mehrerer Tausende schlechter Schriftsteller und urteilsloser Menschen, seit einer Reihe von Jahren, mit eben so viel Eifer wie Unverstand, methodisch und con amore, betrieben wird, sehe ich mich zu folgender Erklärung genötigt: Meinen Fluch über Jeden, der, bei künftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich ändert, sei es eine Periode, oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe, ein Interpunktionszeichen.

Ich habe schon längst die Forderung aufgestellt, dass man, um ein gründliches Verständnis meiner Philosophie zu erlangen, jede Zeile meiner wenigen Werke gelesen haben muss. Dieser Forderung kommt nun gegenwärtige Gesamtausgabe, auf eine mir erfreuliche Weise entgegen, indem der Besitzer derselben gleich Alles beisammen findet und in zweckmässiger Ordnung lesen kann. Diese aber ist folgende. 1) 4 fache Wurzel. 2) Welt als Wille und Vorstellung. - 3) Wille in der Natur. 4) Ethik. 5) Parerga. - Die Farbenlehre geht für sich.
(Letzte Manuskripte 1859, Nr. 97)
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Quelle: Arthur Schopenhauer: Der handschriftliche Nachlass. Bd. 1-5
Herausgeber: Arthur Hübscher
Zusammenstellung und Bearbeitung: Lorenz Trippel
Weitergehende Bearbeitung: R. v. Szalghary


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